Irmtraud Morgner († 1990) über Pornografie und Macht

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Irmtraud Morgner

Irmtraud Morgner (1933-1990)

Eine Gewaltform gegen die Hälfte der Bevölkerung, die das tradierte Gefälle zwischen den beiden Hälften zementiert. Denn wenn so ein Junge mit Pornografie heranwächst – die sexuell anmacht, eine Frau von oben herab zu nehmen – dann prägt ihn das, und er kann nicht wieder weg davon.
Pornografie zerstört vitale Strukturen der Frauen. Sie schafft weibliche Vorbilder, die sich dem männlichen Partner gegenüber inferior verhalten. Gegen solche prägenden Vorbilder anzureden – selbst mit den besten Argumenten – richtet nur wenig aus. Weil die Prägung auf der vitalsten Ebene festgemacht ist.
Es ist ja klar, dass Männer Probleme haben, mit ihrer Geschlechterrolle klarzukommen, die sie verpflichtet, überlegen zu sein. So eine Pflicht überfordert jeden Menschen.
Pornografie hat also überhaupt nichts mit Erotik zu sein, sie hat etwas mit Macht zu tun.
Irmtraud Morgner, die visionärste deutsche Schriftstellerin, ist 1990 mit nur 56 Jahren jäh aus ihrem Denken und Schreiben gerissen worden. [...] Die DDR-Autorin galt als die "erotischste Schriftstellerin" im deutsch-sprachigen Raum. Ihre in jeder Hinsicht subversiven Texte durften [...] in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden, Argument: Morgner schreibe "Pornografie". Was die Ostberliner Schriftstellerin und Philosophin 1990 über Pornografie zu sagen hatte, ist [...] hellsichtig und aktuell [...]. Es lohnt sich mal wieder, Morgner zu lesen.

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