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Uri Avnery: Laudatio auf Sumaya Farhat-Naser und Gila Svirsky

Uri Avnery

Laudatio auf Sumaya Farhat-Naser und Gila Svirsky

Sumaya Farhat ist als Tochter sehr armer Bauern in Birseit geboren, damals ein kleines Dorf, das von seinen Oliven lebte (daher der Name: Ölbrunnen). Gila Svirsky ist in New-Jersey zur Welt gekommen, Tochter einer intellektuellen jüdischen Familie aus Litauen. Zwei Kontinente, zwei Welten, beinahe hätte ich gesagt - zwei Planeten. Das Schicksal, und die Geschichte unseres Landes, hat sie zunächst in Jerusalem und nun hier, in diesem festlichen Saal, zusammen gebracht. In drei verschiedenen, doch miteinander verknüpften Kämpfen, sind sie engagiert: Der Kampf um das Land, der Kampf um den Frieden und der Kampf um die Rechte der Frauen.

Sumaya ist Palästinenserin, Gila ist Israelin. Sie gehören zwei Völkern an, die seit 120 Jahren Krieg gegeneinander führen. Es ist ein einzigartiger Krieg. Es geht nicht um ein Stück Land zwischen zwei Staaten, wie der hundertjährige Kampf zwischen Deutschland und Frankreich um Elsass-Lothringen. Es ist ein Kampf zwischen zwei Völkern um ein Land, das beide als ihr Vaterland beanspruchen. Sumayas Familie lebt seit vielen Generationen in Birseit. Vielleicht sind ihre Vorfahren vor 1300 Jahren mit den Arabern ins Land gekommen. Wahrscheinlicher ist, dass die Familie seit Jahrtausenden im Lande verwurzelt ist und sich im Laufe der Geschichte den verschiedenen Kulturen angepasst hat, die in Palästina nacheinander herrschten - die kanaanitische, dann die israelitische, die christlich-byzantinische, dann die der Kreuzritter, vorher und später die arabische. Ihre Religion blieb christlich, und langsam übernahm sie mit der Gemeinde der griechisch-orthodoxen Kirche das Arabische, das zur Kultur des Landes Palästina wurde. Sumayas Familie ist zur lutherischen Kirche übergetreten, aber sie gehört zur palästinensischen Nation, deren Kultur vorwiegend von der muslimischen Mehrheit beeinflusst ist. Gilas Vorfahren haben seit Jahrhunderten mit dem Gesicht nach Jerusalem gebetet. Für sie war das Land Israels, Palästina, das Heimatland ihres Volkes, aus dem sie durch Gottes Willen verbannt worden waren, eine Strafe, von der sie erst erlöst werden sollten, wenn Gott den Messias schickt. Erst als in Europa Ende des 19. Jahrhunderts der rabiate Antisemitismus aufkam, beschloss ein Teil der Juden, nicht mehr auf den Messias zu warten, sondern sich selbst zu erlösen und in Palästina wieder eine nationale Heimstätte zu errichten. Für ganz religiöse Juden war das eine Todsünde. Sumayas Urgroßvater im damaligen Palästina, eine entlegene Provinz des türkischen Reiches, konnte nicht ahnen, dass im fernen Europa eine Bewegung entsteht, die ihm sein Land wegnehmen will. Da er nicht lesen und schreiben konnte und sein Horizont nicht über die Grenzen seines Dorfes hinausging, konnte er es auch gar nicht erfahren. Und für die Juden, die in Basel 1897 den ersten zionistischen Kongress abhielten, existierte weder Birseit noch irgend ein anderes Dorf in Palästina. Für sie war das Land einfach leer - "ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land", wie die damalige, eingängige, aber falsche Parole lautete. Isaac Deutscher, ein berühmter jüdischer Historiker, hat den Konflikt folgendermaßen beschrieben: Ein Mensch wohnt im oberen Stockwerk eines Hauses, in dem ein Brand entsteht. Um sich zu retten, springt er aus dem Fenster und landet auf dem Körper eines Passanten, der schwer verwundet wird. Zwischen den beiden entsteht eine tödliche Feindschaft. Wer hat Schuld? Natürlich hinkt dieser Vergleich, wie jeder. Er gibt aber ein verständliches Bild von dem, was sich zugetragen hat - jedenfalls nach der aufgeklärten jüdischen Sicht. Zionisten sehen das ganz anders, und Araber auch. Der Konflikt beherrscht unser Leben. Sumaya ist im Juni 1948 geboren, einen Monat nach dem Staat Israel, mitten in dem Krieg, in dem ich als Soldat gedient habe. Israelis nennen ihn den Unabhängigkeitskrieg, Palästinenser nennen ihn die Nakbah, die Katastrophe, weil die Hälfte ihres Volkes im Krieg vertrieben worden ist. Sumayas Birseit war weit von den Fronten entfernt - sonst wäre sie wohl in einem Flüchtlingslager geboren worden. Gila kam zwei Jahre vorher zur Welt. Keiner von uns, die wir im Lande leben, kann sich diesem Konflikt entziehen. Ob sie will oder nicht - und sie will nicht! - Gila gehört zu dem Volk, das heute die Palästinenser unterdrückt, und Sumaya gehört zum Volk der Unterdrückten. Zwischen den beiden Völkern besteht keine Symmetrie, und kann auch keine bestehen. Wir Israelis können uns nicht der Verantwortung für das, was unser Staat tut, entziehen. Wir können nur versuchen, es zu ändern. Das haben wir seinerzeit von den Deutschen gefordert, und das müssen wir jetzt von uns selbst fordern. Wir müssen versuchen, dem Krieg zwischen Israel und Palästina ein Ende zu setzen. Sumaya und Gila haben sich dieser Pflicht nicht entzogen. Darum sind sie hier.

Der Krieg zwischen Israelis und Palästinenser tobt schon seit 120 Jahren. Zu dieser Stunde ist er schlimmer als je, und er kann noch viel, viel schlimmer werden. Aber seit einigen Jahren hat ein anderer Kampf begonnen, mit ganz verschiedenen Fronten. Nicht zwischen Israelis and Palästinensern, sondern zwischen denen, die Frieden wollen, Israelis und Palästinenser, und denen die ihn ablehnen, Israelis und Palästinenser. In diesem Kampf stehen Gila und Sumaya seit Jahren auf der selben Seite, Schulter an Schulter. Das ist nicht leicht. Man braucht viel Mut, um sich - wie Sumaya - im palästinensischen Volk für den Frieden mit Israel einzusetzen, während israelische Soldaten sich in allen palästinensischen Städten und Dörfern herumtreiben, Menschen hinrichten, Häuser zerstören, Bäume ausreißen, eine ganze Bevölkerung einsperren und ihr Leben zur Hölle machen. Auch Birseit ist belagert und isoliert. Man braucht viel Mut, um sich - wie Gila - in Israel für den Frieden mit den Palästinensern einzusetzen, während Palästinenser Selbstmordaktionen in israelischen Märkten und Bussen ausüben, und viele Israelis davon überzeugt sind, dass die Palästinenser uns ins Meer werfen wollen.

Sumaya Farhats Weg zur Friedensaktivistin war nicht leicht. Schon als Kind hat sie den Mut gehabt, den Sitten und Gebräuchen ihrer konservativen Dorfgemeinschaft zu trotzen. Sie hatte das für ein Mädchen ungewöhnliche Glück, die Schule besuchen zu dürfen, und zwar die deutsche, lutherische Schule Talitha Kumi in Bet-Jala bei Betlehem. Nach dem Abitur hatte sie die Möglichkeit nach Deutschland zu kommen, um hier zu studieren und ihren Lebensweg selbst zu gestalten. In ihre Heimat zurückgekehrt hat sie konsequent die Friedenspolitik unterstützt und selbst viel dazu getan, die Zusammenarbeit mit israelischen Friedensgruppen zu fördern. Dabei begegnete sie in Jerusalem Gila Svirsky. Gilas Weg zum Frieden war in einer anderen Weise kompliziert. Alle ihre Verwandten sind im Holocaust umgekommen. Zum Glück sind ihr Vater und ihre Mutter vorher ausgewandert - der Vater nach Amerika, die Mutter nach dem damaligen Palästina. Sie trafen sich zufällig in Jerusalem, heirateten und ließen sich in New Jersey nieder. Gilas Vater, ein liberaler Intellektueller, war in Litauen ein Journalist. In Amerika wurde er Hühnerzüchter und Möbelhändler. Die Mutter war eine rechtsradikale Zionistin. Beide waren streng orthodox, und auch Gila ist als orthodoxe Jüdin erzogen worden. Als sie mit 19 Jahren nach Israel kam, war sie orthodox-religiös und zionistisch. Also gehörte sie zu den Kreisen, die nach 1967 mit der Besiedelung der eroberten Gebiete begannen. Ihre Freunde stellten die ersten Siedlungen im Etzion-Block auf, nur ein paar Kilometer von der Schule entfernt, in der Sumaya zwei Jahre vorher noch Schülerin war. Gila hatte keine Erleuchtung, wie der Rabbiner Saulus, der auf dem Weg nach Damaskus ein Paulus wurde. Sie begann, ihre Meinungen von Grund auf zu verändern, als die israelische Armee 1982 auf dem Weg nach Beirut im Libanon Verwüstung anrichtete. Sie ist heute eine der radikalsten Aktivistinnen für Frieden und Menschenrechte. Ich selbst habe einige Male erlebt, wie Gila Svirsky bei stürmischen Demonstrationen Soldatenketten durchbrach. Einmal, im glühenden Hochsommer, nicht weit von Sumayas Schule, als Soldaten uns den Weg in ein belagertes palästinensisches Dorf verweigerten, haben wir uns auf den heißen Asphalt gesetzt - es war, als ob wir auf einem brennenden Ofen saßen - und versperrten so den Siedlern, Gilas ehemaligen Kameraden, die Landstraße nach dem Etzion-Block. Ich war dabei, als Gila und Sumaya gemeinsam, in der ersten Reihe, einen Friedensmarsch durch das arabische und israelische Jerusalem anführten, entlang der herrlichen 500 Jahre alten Mauer. Die tägliche Zusammenarbeit israelischer und palästinensischer Friedensaktivisten ist ein Licht, das auch in der heutigen Dunkelheit leuchtet. Es ist ein gemeinsamer Marsch in eine gemeinsame Zukunft - eine Zukunft, in der die Staaten Israel und Palästina nebeneinander und zusammen leben werden, mit Jerusalem als gemeinsamer Hauptstadt, mit der Grenze von 1967, der sogenannten Grünen Linie als offene Grenze, ohne Siedlungen und mit einer gerechten Lösung des Flüchtlingsproblems. In dieser Zukunft werden Gila und Sumaya keine Ausnahmen mehr sein, wie sie es heute noch sind. Es ist allerdings eine kaum zu erklärende Tragödie, dass wirkliche, konsequente und systematische Zusammenarbeit israelischer und palästinensischer Friedenskräfte bis heute nur punktuell zustande gekommen ist. Um so mehr gebührt Gila und Sumaya für ihre geduldigen Bemühungen unsere besondere Anerkennung. Die Zusammenarbeit selbst dieser beiden Frauen war keineswegs einfach, nicht leicht. Der Dialog zwischen ihnen - wie ihn Sumaya in ihrem zweiten Buch beschreibt - war hart, oft sogar schmerzlich, aber grundehrlich. Diese Ehrlichkeit ist eine Vorbedingung für wirkliche Versöhnung zwischen den beiden Völkern, deren nationale Narrative vollkommen verschieden, ja gegensätzlich sind.

Aber, auch wenn ein Frieden am Ende zustande kommen wird, für uns ein unbedingtes Muss, wird der gemeinsame Kampf Sumayas und Gilas noch nicht zu Ende sein. Denn sie haben - ja wir alle haben - noch eine dritte Front: den Kampf um die Stellung der Frau in einer modernen Gesellschaft. Für Sumaya wird das viel schwerer sein als für Gila. Der Staat Palästina, der nach so viel Blutvergießen entstehen wird, wird sich am Anfang auf die bestehenden patriarchalischen Lebensformen der palästinensischen Gesellschaft gründen. In ihrem ersten Buch, "Thymian und Steine", erzählt Sumaya, wie ihre Vorfahren sich in Birseit niedergelassen haben: Als im Hause ihres Urahn Farach ein Mädchen geboren wurde, kamen die Nachbarn, um ihm Trost zu spenden, weil es kein Sohn war. Ein fremder Gast, ein Moslem, sprach auch seinen Trost aus, und Farach erwiderte, nach arabischer Art, "Das Kind sei dir geschenkt." Das waren leere Worte der Gastfreund-schaft, aber nach 16 Jahren kam der Gast wieder und forderte das Mädchen. Der Vater bereute den Ausspruch, nicht weil das Mädchen einen eigenen Willen hatte - das war ja undenkbar - sondern weil der Mann ein Moslem war, und Farchat ein Christ. So floh er mit der ganzen Familie in die Berge, und die Familie kam nach Birseit. Das war vor vielen Jahren, aber auch Sumaya selbst musste für den von ihr gewählten Lebensweg kämpfen. Als junges Mädchen wurde sie von ihrem älteren Bruder tyrannisiert, denn in einem arabischen Haushalt, auch in einem christlichen, zählten Mädchen nicht. Mit 14 Jahren wollte ihr Großvater sie, wie üblich, mit einem Verwandten verheiraten. Gegen jede Sitte weigerte Sumaya sich. Wie sie schreibt: "Großvaters Schock was so groß, dass er kein Wort hervorbrachte und das Haus verließ." Heute spielt Sumaya in palästinensischen Frauenorganisationen eine führende Rolle. Im Freiheitskrieg der Palästinenser spielen Frauen eine wichtige Rolle, aber in der Gesellschaft sind sie weit davon entfernt, gleichberechtigt zu sein. Frauen wie Sumaya werden noch lange zu kämpfen haben, um innerhalb ihrer Gesellschaft, langsam und stufenweise, dieses Ziel zu erreichen. Auch Gila ist eine entschiedene Feministin. Die Situation der Frauen in der israelischen Gesellschaft ist zwar unvergleichlich besser als die ihrer arabischen Kolleginnen, aber auch sie ist noch weit von einer wirklichen Gleichberechtigung entfernt. Sumaya und Gila können sich gegenseitig helfen. Keine Gesellschaft kann gedeihen, wenn sie auf die volle Beteiligung einer ganzen Hälfte der Bevölkerung verzichtet. Darum ist es nicht nur eine Sache der Frauen, es ist auch Sache der Männer, sich für Gleichberechtigung einzusetzen. Im Kampf um Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte stehen die Frauen in der vordersten Linie. Dadurch fördern sie auch ihr Recht auf Gleichberechtigung. Sumaya Farhat-Naser und Gila Svirsky können dabei als gute und lebendige Vorbilder dienen.

Liebe Sumaya, liebe Gila, Es ist mir eine Ehre, euch beide zu würdigen. In dieser schönen alten Stadt, weit entfernt von unserem gemeinsamen Schlachtfeld sehen wir, wie ein normales, friedliches Leben aussehen kann. Keiner von uns hat je einen so friedlichen Tag in unserem Lande erlebt. Aber morgen geht es wieder zurück in den Kampf, in den Kampf um Gerechtigkeit und Frieden.

Schalom. Salaam.

Uri Avnery: Ein dummer Krieg

EIN DETEKTIV, der ein Verbrechen aufzudecken versucht, stellt die Frage „cui bono?“ (Wem nützt es?) Wenn wir versuchen, das Verbrechen, das „Zweiter Libanonkrieg“ genannt wird, aufzudecken, muss diese Frage an erster Stelle stehen.
Vorgestern, genau ein Jahr nach Kriegsanfang, widmeten alle israelischen Medien einen großen Teil ihrer Zeit rückblickenden Analysen dieses Krieges. Eine Fernseh-Stunde nach der anderen, eine Seite nach der anderen in den Printmedien.
Als der Krieg ausbrach, feuerten alle Medien Olmert an. Abgesehen von ein paar einsamen Stimmen funktionierten die Medien wie eine Gruppe herumtanzender Cheerleader bei einem amerikanischen Fußballspiel. Die Antikriegsdemonstrationen wurden beiseite gewischt. Kein Wunder, dass auch in dieser Woche der Antikriegsprotest vollständig ignoriert wurde, und alle Kritik in den Medien von der politisch Rechten kam.
Dutzende scharfzüngiger Fragen wurden erhoben: Warum wurde die Entscheidung übereilt getroffen? Warum war die Armee nicht bereit? Warum war das Hinterland im Norden nicht auf einen Krieg vorbereitet? Nur eine Frage wurde nicht gestellt: Warum eigentlich wurde ein Krieg geführt?

FRAGE NUMMER 1: Wer wollte davon profitieren?
Um zu verstehen, warum der Krieg ausbrach, sollte man nicht die Frage stellen, wer profitierte tatsächlich davon? Die entscheidende Frage ist, wer hätte von dem Unternehmen profitiert, wenn er – wie geplant – ein Erfolg gewesen wäre?
Derjenige, der am meisten profitiert hätte, wäre der Präsident der USA gewesen. George Bush steckte schon tief im irakischen Sumpf. Er benötigte verzweifelt einen Erfolg im Nahen Osten.
Die israelische Armee sollte die Hisbollah vernichten, die als Teil der „Achse des Bösen“ betrachtet wird, um so der pro-amerikanischen Marionettenregierung von Fuad Siniora zu erlauben, den ganzen Libanon zu kontrollieren. Da niemand Zweifel an der riesigen Überlegenheit der israelischen Armee über die kleine Guerillagruppe hegte, glaubte man, sie in wenigen Tagen zu erledigen.
Das Szenarium schließt ein zweites Kapitel ein: die siegreiche israelische Armee sollte die syrische Armee provozieren, so dass nach einem kurzen Krieg das Regime von Bashar al-Assad in sich zusammenstürzt. Die „Achse des Bösen“ wäre auf diese Weise zerschlagen worden. Die amerikanische öffentliche Meinung wäre überzeugt worden, dass die „Vision“ des Präsidenten Bush realisiert worden sei: „Demokratie“ im Nahen Osten wäre triumphierend auf dem Vormarsch, das Irak-Fiasko wäre irrelevant geworden.
Der zweite Profiteur würde Ehud Olmert gewesen sein. Der Ministerpräsident, der durch reinen Zufall das Amt von Ariel Sharon übernommen hatte, und der bis dato als unbedeutender Politiker angesehen worden war, wäre als hervorragender Führer, Staatsmann und Stratege anerkannt worden. Selbst der Gewerkschafts-Heini (Peretz), den Olmert mit dem Verteidigungsministerium beauftragt hatte, hätte daraus Kapital geschlagen.
Nach diesem Szenario wäre die Bedrohung Israels aus dem Norden beseitigt, das Arsenal von Raketen wäre zerstört worden. Die Hisbollah wäre von der Landkarte gewischt worden, eine Allianz hätte sich zwischen Jerusalem und der Marionettenregierung der Amerikaner in Beirut gebildet. Und wenn auch noch Syrien zusammengebrochen wäre, dann wäre eine ideale Situation erreicht worden. Die ganze Bedrohung des Nordens Israels, die das israelische Militär seit Jahrzehnten beunruhigte – der „Halbmond“ Irak, Syrien und Libanon - wäre neutralisiert worden. Olmert wäre als der Mann in die Geschichte eingegangen, der den Vers aus der Bibel gelöscht hätte: „Von Norden her wird das Unheil losbrechen über alle, die im Lande wohnen.“ (Jeremia 1, 14).
Die indirekten Profiteure wären die Herrscher Ägyptens, Jordaniens und vielleicht auch Saudi-Arabiens gewesen. Die Palästinenser wären in ihrem Kampf sogar mehr denn je isoliert worden.
Wer drängte wen in den Krieg? Drängte Bush Olmert oder drängte Olmert Bush? Es mögen Jahre vergehen, bevor man dies sicher weiß – und tatsächlich ist dies ziemlich unwichtig.
FRAGE NUMMER 2: Wer hat tatsächlich von diesem Krieg profitiert?
Zu jedermanns Erstaunen ist Israels Armee an seiner Aufgabe gescheitert. Die Hisbollah wurde nicht besiegt, sondern hielt gegen eine Militärmaschinerie stand, die als die fünft stärkste in der Welt angesehen wird. Es war der längste Krieg in den Annalen Israels seit 1949 und der endete in einer Pattsituation. Wer profitierte also?
Nicht Israel. Die Luftwaffe zerstörte zwar einen großen Teil von Hisbollahs Arsenal von Langstreckenraketen, aber die Kurzstreckenraketen verursachten Chaos im Norden Israels und machten der ganzen arabischen Welt deutlich, wie verwundbar Israel für diese Art Waffen ist.
Die beiden gefangen genommenen israelischen Soldaten - die die verlogene Rechtfertigung für den Krieg lieferten – wurden nicht befreit. Internationale Truppen sind zwar als Puffer zwischen Israel und die Hisbollah gelegt worden. Dies war als riesiger Erfolg dargestellt worden. Doch vor dem Krieg war das israelische Militär hartnäckig gegen genau solche Militärkräfte. Die Armee fürchtete den Verlust ihrer Aktionsfreiheit gegenüber der Hisbollah. Nun verteidigen die UN-Truppen die Hisbollah gegen die israelische Armee genau so wie sie Israel gegen die Hisbollah verteidigen.
Die USA profitierten auch nicht von diesem Krieg. Nach durchsickernden Berichten aus Washington hat der Misserfolg der israelischen Armee Bush wütend gemacht. Er hat seinen Zorn auf Olmert gerichtet. Die israelische Armee habe ihn enttäuscht. Im Laufe des Krieges hat Bush mit der großzügigen (und verabscheuungswürdigen) Hilfe verschiedener Regierungen, einschließlich Deutschlands, immer wieder das Eintreten eines Waffenstillstands verhindert, um Israel ein bisschen mehr Zeit zu geben, seine Aufgabe zu erfüllen. Doch dies half nichts.
Auch die Hisbollah hat nicht gewonnen. Ihre Standhaftigkeit gegen die israelische Armee wurde zwar von vielen als Heldentum betrachtet, das die Würde der ganzen arabischen Welt wiederherstellte. Hisbollahs Verluste werden seitdem wieder wettgemacht. Aber Hassan Nasrallah, der eine außerordentliche Integrität ausstrahlt, befand es für notwendig, in der Öffentlichkeit zuzugeben, dass er den anfänglichen Vorstoß in israelisches Territorium nicht durchgeführt hätte, wenn er gewusst hätte, was danach folgen würde. Er entschuldigte sich bei den Libanesen, Israel einen Vorwand für den Krieg geliefert zu haben, der so viel Tod und Zerstörung im Libanon angerichtet hatte.
Die Hisbollah ist vor allem ein Teil der libanesischen Szene. Das Hauptziel Nasrallahs ist für die Hisbollah – und für sich selbst - eine dominante Position im politischen System seines Landes zu sichern. Seine Verbindungen mit Syrien und dem Iran sind eine Folge dieses Ziels. Die schiitische Verschwörung und die terroristische „Achse des Bösen“ existieren nur in der blühenden Phantasie von George W.
Der Krieg hat die Hisbollah im Libanon nicht geschwächt. Einen Beweis dafür gab es in dieser Woche, als der Präsident Frankreichs, Nicholas Sarkozy, die Hisbollah einlud, an einer Konferenz aller libanesischen Gruppierungen in Paris teil zu nehmen. Aber es scheint, dass der Krieg die Hisbollah auch nicht gestärkt habe.
Hat der Iran profitiert? Nachdem die USA ihm den Gefallen getan und den Irak zerstört hat, der Jahrhunderte lang als Sperrgürtel zwischen dem Iran und dem arabischen Nahen Osten gedient hat, hat er nun im Irak genau wie im Libanon ein Einflussgebiet hinzugewonnen. Das hat aber auch seine Nachteile: diese Situation drängt seine potentiellen Feinde unter der Führung von Ägypten und Saudi Arabien zu Präventivaktionen.
Die Schlussfolgerung: keiner hat in diesem Krieg gewonnen, der so viel Tod und Zerstörung verursacht hat: nach den letzten Zählungen wurden in den 34 Kriegstagen 119 israelische Soldaten und 39 Zivilisten und 1200 libanesische Zivilisten und Kämpfer getötet. 2250 Israelis und 4400 Libanesen wurden verletzt. 300 000 Israelis und eine Million Libanesen mussten ihre Häuser verlassen, und 200 000 Libanesen sind noch immer nicht zurückgekehrt.

FRAGE NUMMER 3: Hat Israel irgendwelche Folgerungen daraus gezogen?
Seit einem Jahr zieht jeder eifrig "Schlussfolgerungen“. Von der Winograd-untersuchungskomission bis zum letzten Fernsehreporter. J-e-d-e-r.
Aber dies ist eine Täuschung. Als Ergebnis der Konspiration des Schweigens im Hinblick über die grundsätzlichen Fragen dieses Krieges ist es völlig unmöglich, sich mit den Ursachen des Problems zu befassen.
Jeder beschäftigt sich natürlich mit der Rehabilitation der Armee. Gott sei Dank, hat sich alles verändert. Anstelle des „beflügelten“ Armeechefs (Halutz) haben wir nun einen mit Staub bedeckten Kommandeur, Gabi Ashkenazi. Jeden Tag sehen wir im Fernsehen, wie die Brigaden trainieren, wie Soldaten zwischen Dornenbüschen herumkriechen und wie Panzer vor Ort eingesetzt werden. Das nächste Mal (und jeder betrachtet es als selbstverständlich, dass es ein nächstes Mal geben wird) wird die israelische Armee bereit sein.
Keiner weist auf die Absurdität dieses Spektakels hin. Die Armee war für den letzten Krieg nicht vorbereitet, also trainiert sie jetzt mit großer Entschlossenheit – für den letzten Krieg. Die Folgerungen sind aus dem Mangel an Einsatzbereitschaft für den vergangenen Feldzug gezogen worden, also ist jetzt jeder für den vergangenen Feldzug bereit.
Wenn es etwas gibt, dass man mit Sicherheit über den nächsten Krieg vermuten kann - falls es einen geben wird - dann ist es, dass er sicher keine Wiederholung des letzten sein wird. Raketen werden sicher eine größere Rolle spielen, und diese werden eine größere Reichweite haben. Die Waffen werden noch raffinierter sein. Das Schlachtfeld wird ein anderes sein.
Viel ist über die Unfähigkeit der gewählten Regierung gesagt worden, sich gegenüber dem Armeekommando in Diskussionen über Leben und Tod, über einen Kriegsbeginn und die Durchführung eines Feldzuges, zu behaupten. Die Leute trösten sich mit dem Gedanken, dass wir jetzt einen „erfahrenen“ Verteidigungsminister haben, Ehud Barak, einen früheren Generalstabschef, Ministerpräsidenten und Verteidigungsminister. Aber der Personalwechsel bringt nicht unbedingt eine Veränderung im Mächtegleichgewicht mit sich: auch in der Zukunft wird ein Haufen Politiker, die zufällig Mitglieder der Regierung geworden sind, es nicht wagen, den autoritären und entschlossenen Ansichten der militärischen Führung gegenüber zu treten, die immer - wirklich immer - einen „professionellen“ Geheimdienstbericht liefert, um diese Ansichten zu unterstützen.
Dieses Phänomen hat Israel seit seiner Gründung begleitet. Ein starker Führer wie David Ben Gurion und vielleicht Ariel Sharon, könnte - vielleicht, vielleicht – irgendwie dieses Ungleichgewicht aufheben. Aber das Ungleichgewicht bleibt.
Dies findet jetzt in endlosen Reden über „den nächsten Krieg“ seinen Ausdruck, „Krieg in diesem Sommer“, „eine Fehlkalkulation, die womöglich einen Krieg mit Syrien einleitet“, „Der unvermeidliche Angriff auf Irans Nuklearanlagen“ und so weiter. Es ist die Armee, die den öffentlichen Diskurs bestimmt. Und wie der frühere Oberrabbiner Frankreichs in dieser Woche in Jerusalem klagte: „Das Wort 'Frieden` ist in Israel ein schmutziges Wort geworden.“
Fast jeder Krieg ist ein dummer Krieg. Der letzte Krieg war dümmer als die meisten anderen. Der nächste Krieg, falls es einen geben wird. wird sogar noch dümmer sein.
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs und Christoph Glanz, vom Verfasser autorisiert)

Ein dummer Krieg

Viel ist über die Unfähigkeit der gewählten Regierung gesagt worden, sich gegenüber dem Armeekommando in Diskussionen über Leben und Tod, über einen Kriegsbeginn und die Durchführung eines Feldzuges, zu behaupten. Die Leute trösten sich mit dem Gedanken, dass wir jetzt einen „erfahrenen“ Verteidigungsminister haben, Ehud Barak, einen früheren Generalstabschef, Ministerpräsidenten und Verteidigungsminister. Aber der Personalwechsel bringt nicht unbedingt eine Veränderung im Mächtegleichgewicht mit sich: auch in der Zukunft wird ein Haufen Politiker, die zufällig Mitglieder der Regierung geworden sind, es nicht wagen, den autorären und entschlossenen Ansichten der militärischen Führung gegenüber zu treten, die immer - wirklich immer - einen „professionellen“ Geheimdienstbericht liefert, um diese Ansichten zu unterstützen.


Ein dummer Krieg

Uri Avnery

EIN DETEKTIV, der ein Verbrechen aufzudecken versucht, stellt die Frage „cui bono?“ (Wem nützt es?) Wenn wir versuchen, das Verbrechen, das „Zweiter Libanonkrieg“ genannt wird, aufzudecken, muss diese Frage an erster Stelle stehen.

Vorgestern, genau ein Jahr nach Kriegsanfang, widmeten alle israelischen Medien einen großen Teil ihrer Zeit rückblickenden Analysen dieses Krieges. Eine Fernseh-Stunde nach der anderen, eine Seite nach der anderen in den Printmedien.

Als der Krieg ausbrach, feuerten alle Medien Olmert an. Abgesehen von ein paar einsamen Stimmen funktionierten die Medien wie eine Gruppe herumtanzender Cheerleader bei einem amerikanischen Fußballspiel. Die Antikriegsdemonstrationen wurden beiseite gewischt. Kein Wunder, dass auch in dieser Woche der Antikriegsprotest vollständig ignoriert wurde, und alle Kritik in den Medien von der politisch Rechten kam.

Dutzende scharfzüngiger Fragen wurden erhoben: Warum wurde die Entscheidung übereilt getroffen? Warum war die Armee nicht bereit? Warum war das Hinterland im Norden nicht auf einen Krieg vorbereitet? Nur eine Frage wurde nicht gestellt: Warum eigentlich wurde ein Krieg geführt?


FRAGE NUMMER 1: Wer wollte davon profitieren?

Um zu verstehen, warum der Krieg ausbrach, sollte man nicht die Frage stellen, wer profitierte tatsächlich davon? Die entscheidende Frage ist, wer hätte von dem Unternehmen profitiert, wenn er – wie geplant – ein Erfolg gewesen wäre?

Derjenige, der am meisten profitiert hätte, wäre der Präsident der USA gewesen. George Bush steckte schon tief im irakischen Sumpf. Er benötigte verzweifelt einen Erfolg im Nahen Osten.

Die israelische Armee sollte die Hisbollah vernichten, die als Teil der „Achse des Bösen“ betrachtet wird, um so der pro-amerikanischen Marionettenregierung von Fuad Siniora zu erlauben, den ganzen Libanon zu kontrollieren. Da niemand Zweifel an der riesigen Überlegenheit der israelischen Armee über die kleine Guerillagruppe hegte, glaubte man, sie in wenigen Tagen zu erledigen.

Das Szenarium schließt ein zweites Kapitel ein: die siegreiche israelische Armee sollte die syrische Armee provozieren, so dass nach einem kurzen Krieg das Regime von Bashar al-Assad in sich zusammenstürzt. Die „Achse des Bösen“ wäre auf diese Weise zerschlagen worden. Die amerikanische öffentliche Meinung wäre überzeugt worden, dass die „Vision“ des Präsidenten Bush realisiert worden sei: „Demokratie“ im Nahen Osten wäre triumphierend auf dem Vormarsch, das Irak-Fiasko wäre irrelevant geworden.

Der zweite Profiteur würde Ehud Olmert gewesen sein. Der Ministerpräsident, der durch reinen Zufall das Amt von Ariel Sharon übernommen hatte, und der bis dato als unbedeutender Politiker angesehen worden war, wäre als hervorragender Führer, Staatsmann und Stratege anerkannt worden. Selbst der Gewerkschafts-Heini (Peretz), den Olmert mit dem Verteidigungsministerium beauftragt hatte, hätte daraus Kapital geschlagen.

Nach diesem Szenario wäre die Bedrohung Israels aus dem Norden beseitigt, das Arsenal von Raketen wäre zerstört worden. Die Hisbollah wäre von der Landkarte gewischt worden, eine Allianz hätte sich zwischen Jerusalem und der Marionettenregierung der Amerikaner in Beirut gebildet. Und wenn auch noch Syrien zusammengebrochen wäre, dann wäre eine ideale Situation erreicht worden. Die ganze Bedrohung des Nordens Israels, die das israelische Militär seit Jahrzehnten beunruhigte – der „Halbmond“ Irak, Syrien und Libanon - wäre neutralisiert worden. Olmert wäre als der Mann in die Geschichte eingegangen, der den Vers aus der Bibel gelöscht hätte: „Von Norden her wird das Unheil losbrechen über alle, die im Lande wohnen.“ (Jeremia 1, 14).

Die indirekten Profiteure wären die Herrscher Ägyptens, Jordaniens und vielleicht auch Saudi-Arabiens gewesen. Die Palästinenser wären in ihrem Kampf sogar mehr denn je isoliert worden.

Wer drängte wen in den Krieg? Drängte Bush Olmert oder drängte Olmert Bush? Es mögen Jahre vergehen, bevor man dies sicher weiß – und tatsächlich ist dies ziemlich unwichtig.


FRAGE NUMMER 2: Wer hat tatsächlich von diesem Krieg profitiert?

Zu jedermanns Erstaunen ist Israels Armee an seiner Aufgabe gescheitert. Die Hisbollah wurde nicht besiegt, sondern hielt gegen eine Militärmaschinerie stand, die als die fünft stärkste in der Welt angesehen wird. Es war der längste Krieg in den Annalen Israels seit 1949 und der endete in einer Pattsituation. Wer profitierte also?

Nicht Israel. Die Luftwaffe zerstörte zwar einen großen Teil von Hisbollahs Arsenal von Langstreckenraketen, aber die Kurzstreckenraketen verursachten Chaos im Norden Israels und machten der ganzen arabischen Welt deutlich, wie verwundbar Israel für diese Art Waffen ist.

Die beiden gefangen genommenen israelischen Soldaten - die die verlogene Rechtfertigung für den Krieg lieferten – wurden nicht befreit. Internationale Truppen sind zwar als Puffer zwischen Israel und die Hisbollah gelegt worden. Dies war als riesiger Erfolg dargestellt worden. Doch vor dem Krieg war das israelische Militär hartnäckig gegen genau solche Militärkräfte. Die Armee fürchtete den Verlust ihrer Aktionsfreiheit gegenüber der Hisbollah. Nun verteidigen die UN-Truppen die Hisbollah gegen die israelische Armee genau so wie sie Israel gegen die Hisbollah verteidigen.

Die USA profitierten auch nicht von diesem Krieg. Nach durchsickernden Berichten aus Washington hat der Misserfolg der israelischen Armee Bush wütend gemacht. Er hat seinen Zorn auf Olmert gerichtet. Die israelische Armee habe ihn enttäuscht. Im Laufe des Krieges hat Bush mit der großzügigen (und verabscheuungswürdigen) Hilfe verschiedener Regierungen, einschließlich Deutschlands, immer wieder das Eintreten eines Waffenstillstands verhindert, um Israel ein bisschen mehr Zeit zu geben, seine Aufgabe zu erfüllen. Doch dies half nichts.

Auch die Hisbollah hat nicht gewonnen. Ihre Standhaftigkeit gegen die israelische Armee wurde zwar von vielen als Heldentum betrachtet, das die Würde der ganzen arabischen Welt wiederherstellte. Hisbollahs Verluste werden seitdem wieder wettgemacht. Aber Hassan Nasrallah, der eine außerordentliche Integrität ausstrahlt, befand es für notwendig, in der Öffentlichkeit zuzugeben, dass er den anfänglichen Vorstoß in israelisches Territorium nicht durchgeführt hätte, wenn er gewusst hätte, was danach folgen würde. Er entschuldigte sich bei den Libanesen, Israel einen Vorwand für den Krieg geliefert zu haben, der so viel Tod und Zerstörung im Libanon angerichtet hatte.

Die Hisbollah ist vor allem ein Teil der libanesischen Szene. Das Hauptziel Nasrallahs ist für die Hisbollah – und für sich selbst - eine dominante Position im politischen System seines Landes zu sichern. Seine Verbindungen mit Syrien und dem Iran sind eine Folge dieses Ziels. Die schiitische Verschwörung und die terroristische „Achse des Bösen“ existieren nur in der blühenden Phantasie von George W.

Der Krieg hat die Hisbollah im Libanon nicht geschwächt. Einen Beweis dafür gab es in dieser Woche, als der Präsident Frankreichs, Nicholas Sarkozy, die Hisbollah einlud, an einer Konferenz aller libanesischen Gruppierungen in Paris teil zu nehmen. Aber es scheint, dass der Krieg die Hisbollah auch nicht gestärkt habe.

Hat der Iran profitiert? Nachdem die USA ihm den Gefallen getan und den Irak zerstört hat, der Jahrhunderte lang als Sperrgürtel zwischen dem Iran und dem arabischen Nahen Osten gedient hat, hat er nun im Irak genau wie im Libanon ein Einflussgebiet hinzugewonnen. Das hat aber auch seine Nachteile: diese Situation drängt seine potentiellen Feinde unter der Führung von Ägypten und Saudi Arabien zu Präventivaktionen.

Die Schlussfolgerung: keiner hat in diesem Krieg gewonnen, der so viel Tod und Zerstörung verursacht hat: nach den letzten Zählungen wurden in den 34 Kriegstagen 119 israelische Soldaten und 39 Zivilisten und 1200 libanesische Zivilisten und Kämpfer getötet. 2250 Israelis und 4400 Libanesen wurden verletzt. 300 000 Israelis und eine Million Libanesen mussten ihre Häuser verlassen, und
200 000 Libanesen sind noch immer nicht zurückgekehrt.


FRAGE NUMMER 3: Hat Israel irgendwelche Folgerungen daraus gezogen?

Seit einem Jahr zieht jeder eifrig "Schlussfolgerungen“. Von der Winograd-untersuchungskomission bis zum letzten Fernsehreporter. J-e-d-e-r.

Aber dies ist eine Täuschung. Als Ergebnis der Konspiration des Schweigens im Hinblick über die grundsätzlichen Fragen dieses Krieges ist es völlig unmöglich, sich mit den Ursachen des Problems zu befassen.

Jeder beschäftigt sich natürlich mit der Rehabilitation der Armee. Gott sei Dank, hat sich alles verändert. Anstelle des „beflügelten“ Armeechefs (Halutz) haben wir nun einen mit Staub bedeckten Kommandeur, Gabi Ashkenazi. Jeden Tag sehen wir im Fernsehen, wie die Brigaden trainieren, wie Soldaten zwischen Dornenbüschen herumkriechen und wie Panzer vor Ort eingesetzt werden. Das nächste Mal (und jeder betrachtet es als selbstverständlich, dass es ein nächstes Mal geben wird) wird die israelische Armee bereit sein.

Keiner weist auf die Absurdität dieses Spektakels hin. Die Armee war für den letzten Krieg nicht vorbereitet, also trainiert sie jetzt mit großer Entschlossenheit – für den letzten Krieg. Die Folgerungen sind aus dem Mangel an Einsatzbereitschaft für den vergangenen Feldzug gezogen worden, also ist jetzt jeder für den vergangenen Feldzug bereit.

Wenn es etwas gibt, dass man mit Sicherheit über den nächsten Krieg vermuten kann - falls es einen geben wird - dann ist es, dass er sicher keine Wiederholung des letzten sein wird. Raketen werden sicher eine größere Rolle spielen, und diese werden eine größere Reichweite haben. Die Waffen werden noch raffinierter sein. Das Schlachtfeld wird ein anderes sein.

Viel ist über die Unfähigkeit der gewählten Regierung gesagt worden, sich gegenüber dem Armeekommando in Diskussionen über Leben und Tod, über einen Kriegsbeginn und die Durchführung eines Feldzuges, zu behaupten. Die Leute trösten sich mit dem Gedanken, dass wir jetzt einen „erfahrenen“ Verteidigungsminister haben, Ehud Barak, einen früheren Generalstabschef, Ministerpräsidenten und Verteidigungsminister. Aber der Personalwechsel bringt nicht unbedingt eine Veränderung im Mächtegleichgewicht mit sich: auch in der Zukunft wird ein Haufen Politiker, die zufällig Mitglieder der Regierung geworden sind, es nicht wagen, den autoritären und entschlossenen Ansichten der militärischen Führung gegenüber zu treten, die immer - wirklich immer - einen „professionellen“ Geheimdienstbericht liefert, um diese Ansichten zu unterstützen.

Dieses Phänomen hat Israel seit seiner Gründung begleitet. Ein starker Führer wie David Ben Gurion und vielleicht Ariel Sharon, könnte - vielleicht, vielleicht – irgendwie dieses Ungleichgewicht aufheben. Aber das Ungleichgewicht bleibt.

Dies findet jetzt in endlosen Reden über „den nächsten Krieg“ seinen Ausdruck, „Krieg in diesem Sommer“, „eine Fehlkalkulation, die womöglich einen Krieg mit Syrien einleitet“, „Der unvermeidliche Angriff auf Irans Nuklearanlagen“ und so weiter. Es ist die Armee, die den öffentlichen Diskurs bestimmt. Und wie der frühere Oberrabbiner Frankreichs in dieser Woche in Jerusalem klagte: „Das Wort 'Frieden` ist in Israel ein schmutziges Wort geworden.“

Fast jeder Krieg ist ein dummer Krieg. Der letzte Krieg war dümmer als die meisten anderen. Der nächste Krieg, falls es einen geben wird. wird sogar noch dümmer sein.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs und Christoph Glanz, vom Verfasser autorisiert)

Uri Avnery: Zionistische Leugnung der palästinensischen Frage

clipped from www.uri-avnery.de
Vom ersten Tag an lebte die zionistische Bewegung mit der totalen Verleugnung der palästinensischen Frage.
Diese Leugnung hat tiefe Wurzeln im Unterbewusstsein der zionistischen Bewegung und der israelischen Führung. Der Zionismus kämpfte für die Schaffung einer jüdisch nationalen Heimstätte in einem Land, in dem schon ein anderes Volk lebte. Da der Zionismus eine idealistische Bewegung war mit tiefen moralischen Werten, konnte sie den Gedanken nicht ertragen, dass es gegenüber einem anderen Volk eine historische Ungerechtigkeit begehe. Es war also nötig, das Schuldgefühl, das mit dieser Tatsache zusammenhing, zu unterdrücken und zu leugnen.

Die unbewussten Schuldgefühle wurden mit dem 1948er- Krieg vertieft, in dem mehr als die Hälfte des palästinensischen Volkes seinen Grund und Boden verlor. Die Idee, die Westbank dem hashemitischen Königreich zu überlassen, schuf die Illusion, dass es kein palästinensisches Volk gibt („Sie sind alle Araber!“)