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Dostojewski: Der Großinquisitor (Die Brüder Karamasow)

Aus: Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Die Brüder Karamasow. Fünftes Buch. 5. Der Großinquisitor

Die Menschen erwarteten Ihn, liebten Ihn, hofften auf Ihn wie ehemals. So viele Jahrhunderte hatte die Menschheit in leidenschaftlichem Glauben gefleht: ›Herr Gott, erscheine uns!‹ So viele Jahrhunderte hatten sie nach Ihm gerufen, daß es Ihn in seinem unermeßlichen Erbarmen verlangte, zu den Betenden hinabzusteigen. War Er doch auch schon früher manchmal hinabgestiegen und hatte einzelne Gerechte, Märtyrer und fromme Eremiten auf Erden besucht, wie in ihren Lebensbeschreibungen zu lesen steht.

[…]

Und so ist es auch tatsächlich geschehen, das sage ich dir. Also es verlangte Ihn, sich dem Volk zu zeigen, wenn auch nur für ganz kurze Zeit, dem leidenden, schwer sündigenden, aber Ihn doch kindlich liebenden Volk. Die Handlung spielt bei mir in Spanien, in Sevilla, in der furchtbarsten Zeit der Inquisition, als zum Ruhme Gottes täglich die Scheiterhaufen loderten.

[…]

Es war dies freilich nicht jenes Herniedersteigen, bei dem Er gemäß seiner Verheißung am Ende der Zeiten in all seiner himmlischen Herrlichkeit erscheinen wird und welches plötzlich stattfinden soll, ›wie der Blitz scheinet vom Aufgang bis zum Niedergang‹. Nein, es verlangte Ihn, wenn auch nur für sehr kurze Zeit, seine Kinder zu besuchen, und zwar vor allem dort, wo gerade die Scheiterhaufen der Ketzer prasselten.

[…]

Er steigt hinab auf die heißen Straßen und Plätze der südlichen Stadt, wo erst tags zuvor in Gegenwart des Königs, des Hofes, der Ritter, der Kardinäle und der reizendsten Damen des Hofes sowie der ganzen zahlreichen Einwohnerschaft von Sevilla auf Geheiß des Kardinal-Großinquisitors in einem Zug fast hundert Ketzer ad majorem gloriam Dei zur höheren Ehre Gottes verbrannt worden sind. Er erscheint still und unauffällig, und siehe da, es geschieht etwas Seltsames. Alle erkennen Ihn. Und woran sie Ihn erkennen – das könnte eine der besten Stellen meiner Dichtung sein. Die Volksmenge strebt mit unwiderstehlicher Gewalt zu Ihm hin, umringt Ihn, folgt Ihm. Schweigend, mit einem stillen Lächeln unendlichen Mitleids, wandelt Er unter ihnen. Die Sonne der Liebe brennt in seinem Herzen, Strahlen von Licht, Aufklärung und Kraft gehen von seinen Augen aus, ergießen sich auf die Menschen und erschüttern ihre Herzen in Gegenliebe. Er streckt die Hände nach ihnen aus und segnet sie, und von seiner Berührung, ja sogar von der Berührung seines Gewandes geht eine heilende Kraft aus. Da ruft aus der Menge ein Greis, der von seiner Kindheit an blind ist: ›Herr, heile mich, damit auch ich dich schaue!‹ Und siehe da, es fällt ihm wie Schuppen von den Augen, und der Blinde sieht Ihn. Das Volk weint und küßt die Erde, über die Er dahinschreitet. Die Kinder streuen vor Ihm Blumen auf den Weg, singen und rufen ›Hosianna! Das ist Er, das ist Er selbst! Das muß Er sein, niemand anders!‹ Er bleibt am Portal des Domes von Sevilla stehen, gerade in dem Augenblick, wo ein offener weißer Kindersarg unter Weinen und Wehklagen hineingetragen wird; darin liegt ein siebenjähriges Mädchen, die einzige Tochter eines angesehenen Bürgers. Das tote Kind ist ganz in Blumen gebettet. ›Er wird dein Kind auferwecken‹, ruft man der weinenden Mutter aus der Menge zu. Ein Pater des Doms, der herauskommt, um den Sarg in Empfang zu nehmen, macht ein erstauntes Gesicht und zieht die Augenbrauen zusammen. Aber da ertönt das laute Schluchzen der Mutter des gestorbenen Kindes. Sie wirft sich Ihm zu Füßen. ›Wenn du es bist, so erwecke mein Kind!‹ ruft sie und streckt Ihm die Hände entgegen. Der Zug bleibt stehen, der Sarg wird am Portal zu seinen Füßen niedergestellt. Er blickt voll Mitleid auf die kleine Leiche, und seine Lippen sprechen wiederum die Worte: ›Talitha, kumi – Mägdlein, stehe auf!‹ Das Mädchen erhebt sich im Sarg, setzt sich auf und schaut lächelnd mit erstaunten, weitgeöffneten Augen um sich. In den Händen hält es den Strauß weiße Rosen, mit dem es im Sarg gelegen hat. Das Volk ist starr vor Staunen, schreit und schluchzt – und siehe da, genau in diesem Augenblick geht plötzlich der Kardinal-Großinquisitor selbst über den Platz vor dem Dom.

[…]

Ihm folgen in einiger Entfernung seine finsteren Gehilfen und Knechte und die ›heilige‹ Wache. Er bleibt vor der Menge stehen und beobachtet von fern, sieht alles: wie man Ihm den Sarg vor die Füße stellt, wie das Mädchen aufersteht. Und sein Gesicht verfinstert sich. Er zieht die dichten grauen Brauen zusammen, und ein böses Feuer funkelt in seinem Blick. Er streckt einen Finger aus und befiehlt der Wache, Ihn zu ergreifen. Und seine Macht ist so groß, das Volk ist so an Unterwürfigkeit, an den blinden, furchtsamen Gehorsam ihm gegenüber gewöhnt, daß die Menge vor den Wächtern sofort auseinanderweicht und diese in plötzlicher Grabesstille Hand an Ihn legen und Ihn fortführen können. Und augenblicklich neigt sich die Menge wie ein Mann zur Erde vor dem greisen Inquisitor, der erteilt dem Volk schweigend den Segen und geht weiter. Die Wache führt den Gefangenen in ein enges, finsteres, gewölbtes Verlies in dem alten Gebäude des Heiligen Tribunals und schließt Ihn dort ein. Der Tag vergeht, die dunkle, heiße, reglose Nacht von Sevilla bricht an. Die Luft ist voll vom Duft ›nach Lorbeer und Zitronen‹. In der tiefen Dunkelheit öffnet sich plötzlich die eiserne Tür des Kerkers, und der greise Großinquisitor selbst tritt mit einem Leuchter in der Hand ein. Er ist allein, hinter ihm schließt sich sogleich wieder die Tür. Er bleibt am Eingang stehen und blickt Ihn lange, ein oder zwei Minuten, an. Endlich tritt er leise näher, stellt den Leuchter auf den Tisch und sagt zu Ihm: ›Bist du es? Ja!‹ Doch ohne eine Antwort abzuwarten, fügt er schnell hinzu: ›Antworte nicht, schweig! Was solltest du auch sagen? Ich weiß genau, was du sagen willst. Und du hast gar kein Recht, dem etwas hinzuzufügen, was du früher schon gesagt hast. Warum bist du gekommen, uns zu stören? Denn du bist gekommen, uns zu stören, du weißt das selbst. Aber weißt du auch, was morgen geschehen wird? Ich bin nicht informiert, wer du bist, und es interessiert mich auch gar nicht, ob du Er selbst bist oder nur eine Kopie von Ihm. Schon morgen jedoch werde ich dich verurteilen und als den schlimmsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennen, und dasselbe Volk, das heute deine Füße geküßt hat, wird morgen auf einen Wink meiner Hand herbeistürzen und Kohlen für deinen Scheiterhaufen heranschaffen. Weißt du das? Ja, du weißt es vielleicht‹, fügt er ernst und nachdenklich hinzu, ohne auch nur einen Moment den Blick von seinem Gefangenen abzuwenden.

[…]

Der Greis selbst bedeutet Ihm, daß Er gar kein Recht habe, dem etwas hinzuzufügen, was Er früher schon gesagt hat. Darin liegt vielleicht der eigentliche Grundzug des römischen Katholizismus – zumindest ist das meine Meinung. ›Du hast alles an den Papst übertragen‹, sagen sie. ›Folglich ist das jetzt alles Sache des Papstes. Und du komm jetzt nicht, störe wenigstens nicht vor der Zeit!‹ In diesem Sinne reden sie nicht nur, sondern schreiben auch so, zumindest die Jesuiten. Das habe ich selbst bei ihren Theologen gelesen. ›Hast du das Recht, uns auch nur eines der Geheimnisse jener Welt aufzudecken, aus der du gekommen bist?‹ fragt Ihn der Greis und antwortet selbst für Ihn: ›Nein, ein solches Recht hast du nicht! Du darfst dem, was du früher schon gesagt hast, nichts hinzufügen, und du darfst den Menschen nicht die Freiheit nehmen, für die du so warm eingetreten bist, als du auf Erden warst. Alles, was du neu verkünden könntest, würde die Glaubensfreiheit der Menschen beeinträchtigen, da es wie ein Wunder erscheinen würde. Und die Freiheit ihres Glaubens war dir doch damals, vor anderthalb Jahrtausenden, über alles teuer. Hast du nicht damals oft gesagt: Ich will euch frei machen? Jetzt hast du diese ›freien‹ Menschen gesehen!‹ fügt der Greis plötzlich mit einem nachdenklichen Lächeln hinzu. ›Ja, dieses Werk hat uns viel Mühe gekostet!‹ fährt er, Ihn ernst anblickend, fort. ›Aber wir haben es in deinem Namen doch glücklich zu Ende geführt. Fünfzehn Jahrhunderte haben wir uns mit dieser Freiheit abgequält – jetzt ist es mit ihr zu Ende, gründlich zu Ende. Du glaubst das nicht? Du blickst mich sanftmütig an und würdigst mich nicht einmal deines Unwillens? Doch wisse, daß diese Menschen gerade heutzutage mehr als je überzeugt sind, vollkommen frei zu sein; und dabei haben sie selbst uns ihre Freiheit gebracht und sie uns gehorsam zu Füßen gelegt. Aber das haben wir zuwege gebracht! Oder hast du das gewünscht? Hast du so eine Freiheit gewünscht?!

[…]

Er rechnet es sich und den Seinen geradezu als Verdienst an, daß sie endlich die Freiheit überwältigt haben, und zwar um die Menschen glücklich zu machen. ›Denn erst jetzt‹, sagt er und meint natürlich die Inquisition, ›erst jetzt ist es zum erstenmal möglich geworden, an das Glück der Menschen zu denken. Der Mensch war als Rebell erschaffen worden – können Rebellen denn glücklich sein? Du warst gewarnt‹, sagt er zu Ihm. ›Du hattest keinen Mangel an Warnungen und Hinweisen, aber du hörtest nicht auf sie. Du verschmähtest den einzigen Weg, auf dem es möglich war, die Menschen glücklich zu machen. Doch zum Glück übergabst du diese Aufgabe uns, als du weggingst, du versprachst es, du bekräftigtest es mit deinem Wort, du gabst uns das Recht zu binden und zu lösen – und natürlich kannst du dir jetzt nicht einfallen lassen, uns dieses Recht wieder zu nehmen. Warum also bist du gekommen, uns zu stören?‹

[…]

›Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins‹, fährt der Greis fort, ›der große Geist hat mit dir in der Wüste gesprochen, und es ist uns in der Schrift überliefert, daß er dich versucht hat. War es so? Und hätte er dir etwas Wahreres sagen können als das, was er dir in den drei Fragen kundtat? Was in der Schrift ›Versuchungen‹ heißt und von dir zurückgewiesen wurde? Und doch: Wenn es auf Erden jemals ein wahrhaftes, donnergleiches Wunder gegeben hat, so jenes an dem Tag dieser drei Versuchungen. Eben in diesen drei Fragen lag das Wunder. Wenn man sich nur so zur Probe und zum Beispiel vorstellen könnte, diese drei Fragen des furchtbaren Geistes wären spurlos verlorengegangen, und man müßte sie neu stellen, von neuem ausdenken und formulieren, um sie wieder in die Schrift einzusetzen, und alle Weisen der Erde würden zu diesem Zweck versammelt, Regenten, Erzpriester, Gelehrte, Philosophen und die Dichter, und ihnen würde die Aufgabe gestellt, drei Fragen auszusinnen und zu formulieren, aber so, daß sie nicht nur der Größe des Ereignisses entsprächen, sondern darüber hinaus in drei Worten, in nicht mehr als drei menschlichen Sätzen die gesamte künftige Geschichte der Welt und des Menschengeschlechts zum Ausdruck brächten – meinst du, daß die gesamte vereinigte Weisheit der Erde etwas ersinnen könnte, was an Kraft und Tiefe jenen drei Worten gleichkäme, die dir damals von dem mächtigen, klugen Geist in der Wüste tatsächlich vorgelegt wurden? Schon an diesen Fragen, allein an dem Wunder, daß und wie sie gestellt wurden, läßt sich erkennen, daß man es nicht mit einem menschlichen vergänglichen Verstand, sondern mit einem ewigen, absoluten zu tun hat. Denn in diesen drei Fragen ist gleichsam die gesamte weitere Geschichte des Menschengeschlechts zusammengefaßt und vorhergesagt. Es sind die drei Formen aufgezeigt, in denen alle unlösbaren historischen Widersprüche der menschlichen Natur auf dieser Erde eingeschlossen sind. Damals konnte das noch nicht verständlich werden, denn die Zukunft war unbekannt. Doch jetzt, da fünfzehn Jahrhunderte vergangen sind, erkennen wir, daß mit diesen drei Fragen alles so genau vorhergesagt und so genau eingetroffen ist, daß ihnen nichts mehr hinzugefügt oder von ihnen weggenommen werden kann.

[…]

Entscheide selbst, wer recht hatte: Du oder jener, der dich damals fragte. Erinnere dich an die erste Frage! Wenn sie auch nicht buchstäblich so lautete, ihr Sinn war doch folgender: ›Du willst in die Welt gehen und gehst mit leeren Händen, mit einem Versprechen von Freiheit, das sie in ihrer Einfalt und angeborenen Schlechtigkeit nicht einmal begreifen können, das ihnen Furcht und Schrecken einflößt – denn nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als Freiheit! Aber siehst du die Steine hier in dieser nackten, glühenden Wüste? Verwandle sie in Brot, und die Menschheit wird dir wie eine Herde nachlaufen, dankbar und gehorsam, wenn auch in steten Zittern, du könntest deine Hand von ihnen nehmen, und es hätte dann mit deinen Broten für sie ein Ende!‹ Du wolltest den Menschen nicht der Freiheit berauben und verschmähtest den Vorschlag. Denn was ist das für eine Freiheit, so urteiltest du, wenn der Gehorsam durch Brot erkauft wird? Du erwidertest, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Weißt du jedoch, daß sich der Geist der Erde im Namen dieses Brotes gegen dich erheben und dich besiegen wird, daß alle ihm folgen werden mit dem Ruf: ›Wer tut es diesem Tier gleich? Es gab uns das Feuer vom Himmel!‹ Weißt du auch, daß die Menschheit nach Jahrhunderten durch den Mund ihrer Weisen und Gelehrten verkünden wird, es gebe kein Verbrechen und folglich auch keine Sünde, sondern es gebe nur Hungrige? Mach sie satt, und verlang erst dann von ihnen Tugend – dies werden sie auf ihr Banner schreiben, das sie gegen dich erheben und durch das sie deinen Tempel stürzen werden. Anstelle deines Tempels wird man einen neuen Bau aufführen. Erheben wird sich erneut ein furchtbarer Turm von Babylon, und obgleich der ebensowenig wie der frühere zu Ende gebaut werden dürfte, hättest du ihn doch vermeiden und die Leiden der Menschen um tausend Jahre verkürzen können! Zu uns nämlich kommen sie, wenn sie sich tausend Jahre mit ihrem Turm abgequält haben. Sie werden uns wieder unter der Erde suchen, in den Katakomben, in denen wir uns verborgen halten, denn wir werden wieder verfolgt und gemartert sein. Sie werden uns finden und uns zurufen: Macht uns satt! Die uns das Feuer vom Himmel versprachen, haben es uns nicht gegeben ... Und dann werden wir auch ihren Turm zu Ende bauen, denn zu Ende bauen wird ihn, wer sie satt macht. Satt machen aber werden nur wir sie, und wir werden lügen, es geschehe in deinem Namen. Oh, niemals werden sie ohne uns satt werden! Keine Wissenschaft wird ihnen Brot geben, solange sie frei bleiben – und enden wird es damit, daß sie uns ihre Freiheit zu Füßen legen und sagen: Knechtet uns lieber, aber macht uns satt! Sie werden schließlich selbst begreifen, daß Freiheit und reichlich Brot für alle zusammen nicht denkbar ist, denn niemals, niemals werden sie imstande sein, untereinander zu teilen! Sie werden auch zu der Überzeugung gelangen, daß sie niemals frei sein können, weil sie schwach, lasterhaft, bedeutungslos und rebellisch sind. Du versprachst ihnen himmlisches Brot, doch ich wiederhole: Läßt sich das in den Augen des schwachen, ewig lasterhaften und ewig undankbaren Menschengeschlechts mit dem irdischen Brot vergleichen? Und wenn dir um des himmlischen Brotes willen Tausende und aber Tausende nachfolgen, was wird dann aus den Millionen und aber Millionen jener Wesen, die nicht die Kraft haben, das irdische Brot um des himmlischen willen geringzuschätzen? Oder sind dir nur die Tausende von Großen und Starken teuer, und sollen die übrigen Millionen, zahlreich wie Sand am Meer, die Schwachen, die dich lieben, nur als Material für die Großen und Starken dienen? Nein, uns sind auch die Schwachen teuer. Sie sind lasterhaft und rebellisch, schließlich aber werden auch sie gehorsam werden. Sie werden uns anstaunen und für Götter halten, weil wir uns an ihre Spitze stellen, bereit, die Freiheit zu ertragen, vor der sie Angst haben, und über sie zu herrschen, – so schrecklich wird es ihnen schließlich vorkommen, frei zu sein. Aber wir werden sagen, wir seien dir gehorsam und herrschen in deinem Namen. Wir werden sie wieder täuschen, denn dich werden wir nicht mehr zu uns lassen. In dieser Täuschung wird jedoch auch unser Leiden liegen; denn wir werden gezwungen sein zu lügen. Das also hatte diese erste Frage in der Wüste zu bedeuten. Das verschmähtest du um der Freiheit willen, die du höher stelltest als alles andere. Es lag in dieser Frage das große Geheimnis der Welt beschlossen. Hättest du das ›Brot‹ angenommen, so hättest du damit einem allgemeinen und ewigen menschlichen Sehnen entsprochen, dem Sehnen jedes einzelnen Menschen genauso wie dem der gesamten Menschheit, jenem Sehnen, das sich in der Frage ausdrückt: Wen soll ich anbeten? Es gibt für einen Menschen, der frei geblieben ist, keine unausweichlichere, dauerndere, quälendere Sorge, als möglichst rasch jemand zu finden, den er anbeten kann. Aber der Mensch möchte nur etwas anbeten, was bereits unbestritten ist, so unbestritten, daß sich alle Menschen zugleich zu gemeinsamer Anbetung bereit finden. Denn es ist nicht so sehr die Sorge dieser kläglichen Geschöpfe, etwas zu finden, was ich oder ein anderer anbeten kann, sondern etwas, woran alle glauben und was alle anbeten, unbedingt alle zusammen. Und eben dieses Bedürfnis nach gemeinsamer Anbetung bildet die wesentliche Qual jedes einzelnen Individuums wie der ganzen Menschheit seit Anbeginn der Zeiten. Um der gemeinsamen Anbetung willen vernichteten sie sich gegenseitig mit dem Schwert. Sie schufen sich Götter und riefen einander zu: Entsagt euren Göttern und betet unsere an – oder Tod euch und euren Göttern! Und so wird es sein bis ans Ende der Welt, selbst wenn die Götter aus der Welt verschwinden. Das macht den Menschen nichts aus, dann werden sie eben vor Götzen niederfallen. Du kanntest dieses wichtigste Geheimnis der menschlichen Natur, es konnte dir nicht unbekannt sein. Doch du hast das einzig wirksame Banner, das dir angeboten wurde, um alle zu zwingen, dich widerspruchslos anzubeten – das Banner des irdischen Brotes –, zurückgewiesen. Hast es zurückgewiesen um der Freiheit und des himmlischen Brotes willen. Sieh dir doch an, was du getan hast! Und alles um der Freiheit willen! Ich sage dir, der Mensch kennt keine quälendere Sorge, als jemand zu finden, dem er so schnell wie möglich das Geschenk der Freiheit übergeben kann, mit dem er, dieses unglückliche Geschöpf, geboren wird. Aber nur der bekommt die Freiheit der Menschen in seine Gewalt, der ihr Gewissen beruhigt. Mit dem Brot wurde dir ein unbestrittenes Banner angeboten: Wenn du ihm Brot gibst, betet dich der Mensch an, denn nichts ist unbestrittener als das Brot. Doch wenn zur gleichen Zeit ohne dein Wissen jemand sein Gewissen in die Gewalt bekommt – oh, dann läßt der Mensch sogar dein Brot im Stich und folgt dem, der sein Gewissen verführt. In diesem Punkt hattest du recht. Das Geheimnis des menschlichen Seins besteht nämlich nicht darin, daß man lediglich lebt, sondern darin, wofür man lebt. Hat der Mensch keine feste Vorstellung von dem Zweck, für den er lebt, so mag er nicht weiterleben und vernichtet sich eher selbst, als daß er auf der Erde bleibt – mögen auch noch so viele Brote um ihn herumliegen. Und was war nun das Ergebnis? Statt die Freiheit der Menschen in deine Gewalt zu bringen, hast du sie ihnen noch vermehrt! Oder hattest du vergessen, daß Ruhe und sogar Tod dem Menschen lieber sind als freie Wahl in der Erkenntnis von Gut und Böse? Nichts ist für den Menschen verführerischer als die Freiheit seines Gewissens, aber nichts ist auch qualvoller. Statt dem Menschen ein für allemal feste Grundlagen zur Beruhigung seines Gewissens zu geben, hast du ihm alles aufgebürdet, was es an Ungewöhnlichem, Rätselhaftem und Unbestimmtem gibt, alles, was die Kraft der Menschen übersteigt. Du hast somit gehandelt, als ob du sie überhaupt nicht liebtest, obwohl du doch gekommen warst, um für sie dein eigenes Leben hinzugeben! Statt die Freiheit der Menschen in deine Gewalt zu bringen, hast du sie vermehrt und mit ihren Qualen das Seelenleben des Menschen für allezeit belastet. Du wünschtest freiwillige Liebe von seiten des Menschen, frei sollte er dir nachfolgen, entzückt und gefesselt von dir. Statt des festen alten Gesetzes sollte der Mensch künftig selbst mit freiem Herzen entscheiden, was gut und böse ist, und dabei nur dein Vorbild als Orientierungshilfe vor sich haben. Hast du dabei wirklich nicht bedacht, daß er schließlich sogar dein Vorbild und deine Wahrheit verwerfen und als unverbindlich ablehnen wird, wenn man ihm so eine furchtbare Last aufbürdet, wie Freiheit der Wahl? Schließlich werden die Menschen sagen, du bist nicht die Wahrheit; denn man konnte sie kaum in größerer Verwirrung und Qual zurücklassen, als du es tatest, indem du ihnen so viele Sorgen und unlösbare Aufgaben hinterließest. Auf diese Weise hast du selbst den Grund zur Zerstörung deines Reiches gelegt und darfst niemand sonst beschuldigen. Dabei wurde dir doch etwas ganz anderes vorgeschlagen! Es gibt auf der Erde nur drei Mächte, die imstande sind, das Gewissen dieser schwächlichen Rebellen zu ihrem Glück für allezeit zu besiegen und zu fesseln: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Du hast das erste und das zweite und das dritte verschmäht und durch dein eigenes Verhalten ein Beispiel gegeben. Als der furchtbare, kluge Geist dich auf die Zinne des Tempels stellte und sagte: Wenn du wissen willst, ob du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab! Denn von ihm steht geschrieben, daß die Engel ihn auffangen und tragen werden und er nicht fallen und sich nicht stoßen wird. Und dann wirst du erkennen, ob du Gottes Sohn bist, und beweisen, wie groß dein Glaube an deinen Vater ist ... Aber du hast diesen Vorschlag zurückgewiesen und dich nicht hinabgestürzt. Natürlich handeltest du stolz und großartig wie ein Gott – aber sind die Menschen, dieses schwache, rebellische Geschlecht, etwa Götter? Oh, du hast damals eingesehen: Wenn du auch nur einer Schritt tun, nur eine Bewegung machen würdest, dich hinabzustürzen, würdest du damit Gott versuchen und allen Glauben an ihn verlieren und auf der Erde zerschmettern, die du zu retten gekommen warst; und der kluge Geist, der dich versuchte, würde sich freuen. Aber ich sage noch einmal: Gibt es viele solche wie dich? Und hast du wirklich auch nur einen Augenblick annehmen können, auch die Kraft der Menschen könnte ausreichen, einer derartigen Versuchung zu widerstehen? Ist die Natur des Menschen etwa so beschaffen, daß er das Wunder ablehnen und in solchen schweren Augenblicken des Lebens, Augenblicken der furchtbarsten und qualvollsten letzten Seelenfragen, allein mit der freien Entscheidung des Herzens auskommen kann? Du wußtest, daß deine Tat in der Schrift festgehalten würde, daß sie bis ans Ende aller Zeiten und bis an die letzten Grenzen der Erde gelangen würde, und du hofftest, auch der Mensch würde, dir nachfolgend, in der Gemeinschaft mit Gott bleiben, ohne des Wunders zu bedürfen. Aber du wußtest nicht, daß der Mensch, sobald er das Wunder ablehnt, zugleich auch Gott ablehnt, weil er nicht so sehr Gott als vielmehr das Wunder sucht. Und da der Mensch nicht imstande ist, ohne Wunder auszukommen, wird er sich neue Wunder schaffen, eigene Wunder; er wird sich vor den Wundern der Zauberer und Hexen beugen, mag er auch hundertmal als Rebell, Ketzer oder Atheist gelten. Du bist nicht vom Kreuz herabgestiegen, als dir höhnisch zugerufen wurde: Steig herab vom Kreuz, und wir werden glauben, daß du der Sohn Gottes bist! Du bist nicht herabgestiegen, weil du abermals den Menschen nicht durch ein Wunder knechten wolltest, weil du einen freien Glauben wünschtest, keinen Wunderglauben. Du wünschtest freiwillige Liebe und nicht sklavisches Entzücken des Unfreien über eine Macht, die ihm ein für allemal Schrecken einflößt. Aber auch hier hast du von den Menschen zu hoch gedacht, denn sie sind allerdings Unfreie, wenn sie auch als Rebellen geschaffen worden sind. Sieh um dich und urteile selbst! Fünfzehn Jahrhunderte sind jetzt verflossen; bitte, sieh dir die Menschen an: wen hast du zu dir emporgehoben? Ich schwöre dir, der Mensch ist schwächer und niedriger, als du geglaubt hast! Kann er, frage ich, überhaupt ausführen, was du ausgeführt hast? Indem du ihn so hoch einschätztest, hast du gehandelt, als ob du kein Mitleid mehr für ihn empfändest, du hast zuviel von ihm verlangt, du, der du ihn doch mehr liebtest als dich selbst! Hättest du ihn weniger hoch eingeschätzt, hättest du auch weniger von ihm verlangt; das wäre der Liebe näher gekommen, denn es hätte seine Bürde leichter gemacht. Er ist schwach und gemein. Daß er jetzt überall gegen unsere Macht rebelliert und auf diese Rebellion stolz ist – was will das besagen? Das ist der Stolz eines Kindes, eines Schulknaben. Das sind Kinder, die in der Klasse revoltieren und den Lehrer vertreiben. Aber auch der Jubel dieser Kinder wird sein Ende finden; er wird ihnen teuer zu stehen kommen. Sie werden die Tempel niederreißen und die Erde mit Blut überschwemmen. Aber schließlich werden die dummen Kinder merken, daß sie doch nur schwächliche Rebellen sind, die ihre eigene Rebellion nicht aushalten. In dumme Tränen ausbrechend, werden sie bekennen, daß sich derjenige, der sie zu Rebellen erschaffen hat, ohne Zweifel über sie hat lustig machen wollen. Sie werden das voller Verzweiflung sagen, und was sie sagen, wird eine Gotteslästerung sein, die sie noch unglücklicher macht; denn die menschliche Natur erträgt keine Gotteslästerung und bestraft sich zuletzt immer selbst dafür. Und so sind jetzt Unruhe, Verwirrung und Unglück das Los der Menschen, nachdem du so viel für ihre Freiheit gelitten hast! Dein großer Prophet sagt in einer allegorischen Vision, er habe alle Teilnehmer der ersten Auferstehung gesehen, aus jedem Stamm zwölftausend. Aber wenn es so viele waren, dann waren auch sie wohl kaum Menschen, sondern Götter. Sie haben dein Kreuz getragen. Sie haben es erduldet, jahrzehntelang in der öden Wüste zu leben und sich von Heuschrecken und Wurzeln zu ernähren. Du kannst in der Tat stolz auf diese Kinder der Freiheit hinweisen, die dich freiwillig geliebt und um deines Namens willen freiwillig ein so großartiges Opfer gebracht haben. Aber vergiß nicht, daß es im ganzen nur ein paar Tausend waren, und zwar Götter – aber die übrigen? Was können die übrigen, die schwachen Menschen, dafür, daß sie nicht dasselbe ertragen konnten wie die Starken? Was kann eine schwache Seele dafür, daß sie nicht imstande ist, so furchtbare Gaben aufzunehmen? Bist du wirklich nur zu den Auserwählten und für die Auserwählten gekommen? Wenn es so ist, liegt hier ein Geheimnis vor, und wir können es nicht verstehen. Wenn aber ein Geheimnis vorliegt, so waren auch wir berechtigt, dies zu verkünden und die Menschen zu lehren, daß nicht der freie Entschluß ihrer Herzen und nicht die Liebe das Entscheidende ist, sondern jenes Geheimnis, dem sie sich blind unterordnen müssen, selbst gegen ihr Gewissen. Das haben wir denn auch getan. Wir haben deine Tat verbessert und sie auf das Wunder, das Geheimnis und die Autorität gegründet. Und die Menschen freuten sich, daß sie wieder wie eine Herde geleitet wurden und daß endlich das furchtbare Geschenk, das ihnen so viel Qual bereitet hatte, von ihren Herzen genommen war. Sprich, waren wir berechtigt, so zu lehren und so zu handeln? Haben wir die Menschheit etwa nicht geliebt, als wir so freundlich ihre Schwäche anerkannten, ihre Bürde liebevoll erleichterten und ihrer schwachen Natur sogar die Sünde gestatteten, wenn sie mit unserer Erlaubnis geschah? Warum bist du jetzt gekommen, uns zu stören? Und warum siehst du mich schweigend und durchdringend an mit deinen sanften Augen? Werde zornig! Ich will deine Liebe nicht, weil ich dich selbst nicht liebe. Und was könnte ich vor dir schon verbergen? Als ob ich nicht wüßte, mit wem ich rede! Was ich dir zu sagen habe, ist dir bereits alles bekannt, das lese ich in deinen Augen. Und ich sollte unser Geheimnis vor dir verbergen? Vielleicht willst du es gerade aus meinem Munde vernehmen. So höre denn! Wir sind nicht mit dir im Bunde, sondern mit ihm – das ist unser Geheimnis! Wir sind schon seit langer Zeit nicht mehr mit dir im Bunde, sondern mit ihm, schon acht Jahrhunderte lang. Genau acht Jahrhunderte ist es her, daß wir von ihm annahmen, was du unwillig zurückgewiesen hast: jene letzte Gabe, die er dir anbot, indem er dir alle Reiche der Erde zeigte. Wir haben von ihm Rom empfangen und das Schwert des Cäsar und haben uns selbst zu Herren der Erde, zu ihren einzigen Herren erklärt, obwohl wir unser Werk bis heute noch nicht zum vollen Abschluß zu bringen vermochten. Aber wessen Schuld ist das? Oh, dieses Werk befindet sich jetzt erst im Anfangsstadium, aber begonnen ist es. Lange noch werden wir auf seine Vollendung warten müssen, und viel wird die Erde noch leiden. Aber wir werden ans Ziel gelangen, wir werden Cäsaren sein, und dann werden wir auch an das Glück aller Menschen auf Erden denken. Du aber hättest schon damals das Schwert des Cäsar ergreifen können. Warum hast du diese letzte Gabe zurückgewiesen? Hättest du diesen dritten Rat des mächtigen Geistes angenommen, so hättest du alle Wünsche erfüllt, die der Mensch hier auf Erden hegt. Er hätte jemand gehabt, den er anbeten und dem er sein Gewissen anvertrauen kann; er hätte die Möglichkeit gesehen, daß sich endlich alle gemeinsam und einmütig zu einem umfassenden, von niemand bestrittenen Ameisenhaufen vereinigen. Das Bedürfnis zu universeller Vereinigung ist nämlich die dritte und letzte Qual der Menschen. Immer hat die Menschheit in ihrer Gesamtheit danach gestrebt, sich unter allen Umständen universell zu gestalten. Es hat viele große Völker mit großer Geschichte gegeben. Doch je höher diese Völker standen, desto unglücklicher waren sie, weil sie stärker als die anderen das Bedürfnis nach einer universellen Vereinigung der Menschen empfanden. Große Eroberer, wie Timur Timur-Leng, Mongolenherrscher, eroberte ein Weltreich von China bis Ungarn, † 1405 und Dschingis-Khan, Dschingis-Khan – Mongolenherrscher, errichtete ein Weltreich, † 1227 fegten wie ein Wirbelsturm über die Erde, bestrebt, die Welt zu erobern. Aber auch sie drückten, obgleich unbewußt, das große Bedürfnis der Menschheit nach allgemeiner, allumfassender Vereinigung aus. Hättest du das Schwert und den Purpur des Cäsar angenommen, so hättest du eine Weltherrschaft begründet und der ganzen Welt Ruhe gebracht. Denn wem anders steht es zu, über die Menschen zu herrschen, als denen, die das Gewissen der Menschen in ihrer Gewalt haben und in deren Händen das Brot der Menschen ist? Wir unsererseits haben das Schwert des Cäsar ergriffen; dabei haben wir uns freilich von dir abgewandt und sind ihm gefolgt. Oh, noch jahrhundertelang wird der Unfug des freien Verstandes, der Wissenschaft und Menschenfresserei dauern! Denn sie, die ihren babylonischen Turm ohne uns aufzuführen begannen, werden bei der Menschenfresserei enden. Doch dann, dann wird das Tier zu uns gekrochen kommen und unsere Füße lecken und sie mit den blutigen Tränen seiner Augen benetzen. Und wir werden uns auf das Tier setzen und den Kelch erheben, auf dem geschrieben steht: Geheimnis! Erst dann wird für die Menschen das Reich der Ruhe und des Glücks anbrechen. Du bist stolz auf deine Auserwählten. Aber du hast nur Auserwählte, während wir allen Ruhe bringen. Und noch eins. Wie viele von diesen Auserwählten und von den Starken, die da hätten Auserwählte werden können, sind es schließlich müde geworden, auf dich zu warten! Sie haben die Kräfte ihres Geistes und die Glut ihres Herzens auf ein anderes Feld übertragen und tun das auch jetzt noch und werden es tun, bis sie ihr Freiheitsbanner sogar gegen dich erheben. Aber du selbst hast dieses Banner erhoben. Bei uns jedoch werden alle glücklich sein und nicht mehr rebellieren und einander vernichten, wie es unter deiner Freiheit allerorten geschah. Oh, wir werden sie davon überzeugen, daß sie erst dann wahrhaft frei sein werden, wenn sie ihrer Freiheit zu unseren Gunsten entsagen und uns gehorchen. Nun, werden wir damit recht haben? Oder wird das eine Lüge sein? Sie werden selber einsehen, daß wir recht haben! Denn sie werden sich erinnern, zu welcher schrecklichen Sklaverei und Verwirrung sie deine Freiheit gebracht hat. Freiheit, freie Vernunft und Wissenschaft werden sie in solche Abgründe führen und sie vor solche Wunder und solche unlöslichen Geheimnisse stellen, daß manche von ihnen, die Unbotmäßigen und Trotzigen, sich selbst vernichten, andere, die Unbotmäßigen, aber Schwachen, sich gegenseitig vernichten, und die dritten, die Schwächlichen und Unglücklichen, uns zu Füßen kriechen und zu uns aufwinseln werden: Ja, ihr hattet recht! Ihr allein wart im Besitz seines Geheimnisses! Wir kehren zu euch zurück, rettet uns vor uns selbst! Wenn sie von uns Brot erhalten, werden sie allerdings deutlich erkennen, daß wir ihnen ihr eigenes Brot, das sie mit ihren eigenen Händen erarbeitet haben, wegnehmen, um es dann wieder unter sie zu verteilen, ohne jedes Wunder. Sie werden sehen, daß wir nicht Steine in Brot verwandelt haben, doch in Wahrheit werden sie sich – mehr als über das Brot selbst – darüber freuen, daß sie es aus unseren Händen empfangen! Sie werden sich nämlich sehr gut erinnern, daß sich früher, ohne uns, das durch ihre Arbeit erworbene Brot in ihren Händen in Steine verwandelte, daß aber nach ihrer Rückkehr zu uns selbst die Steine in ihren Händen zu Brot wurden. Und sehr wohl werden sie zu schätzen wissen, was es bedeutet, sich ein für allemal zu unterwerfen! Solange die Menschen das nicht begreifen, werden Sie unglücklich sein. Und nun sag, wer hat am meisten zu diesem Unverständnis beigetragen? Wer hat die Herde zersplittert und auf unbekannte Wege versprengt? Die Herde wird sich jedoch von neuem sammeln und von neuem unterwerfen, und dann ein für allemal. Dann werden wir den Menschen ein stilles, friedliches Glück gewähren: das Glück der schwachen Wesen, als die sie nun einmal geschaffen sind. Oh, wir werden sie schließlich überreden, ihren Stolz abzulegen! Du hast sie emporgehoben und dadurch stolz gemacht. Wir werden ihnen beweisen, daß sie nur schwache, armselige Kinder sind, daß aber das Glück von Kindern süßer ist als jedes andere. Sie werden eingeschüchtert zu uns aufblicken und sich ängstlich an uns drücken – wie die Kücken an die Henne. Sie werden uns anstaunen und fürchten und stolz sein, daß unsere Macht und Klugheit uns befähigt hat, so eine störrische Herde von tausend Millionen zu zähmen. Sie werden kraftlos zittern vor unserem Zorn, ihr Geist wird verzagen, ihre Augen werden dem Weinen nahe sein wie die von Kindern und Frauen – doch ebenso leicht werden sie auch auf unseren Wink zu Fröhlichkeit und Gelächter, zu heller Freude und glückseligen Kinderliedchen übergehen. Ja, wir werden sie zwingen zu arbeiten; ihre arbeitsfreien Stunden aber werden wir ihnen zu einem kindlichen Spiel umgestalten, mit Kinderliedern, Chorgesängen und unschuldigen Tänzen. Oh, wir werden ihnen auch die Sünde erlauben. Sie sind kraftlos und werden uns wie Kinder dafür lieben, daß wir ihnen gestatten zu sündigen. Wir werden ihnen sagen, jede Sünde könne wiedergutgemacht werden, sofern sie mit unserer Erlaubnis begangen worden ist. Und wenn ihnen also von uns gestattet werde zu sündigen, so habe das seinen Grund in unserer Liebe zu ihnen. Die Strafe für diese Sünden seien wir bereit, auf uns zu nehmen. Und wir werden sie auch auf uns nehmen! Sie aber werden uns als ihre Wohltäter vergöttern, weil wir vor Gott ihre Sünden auf uns nehmen. Und sie werden keinerlei Geheimnisse vor uns haben. Wir werden ihnen erlauben oder verbieten, mit ihren Frauen und Geliebten zu leben, Kinder zu haben oder keine Kinder zu haben, alles je nach ihrem Gehorsam, und sie werden sich uns mit Lust und Freude unterwerfen. Auch die qualvollsten Geheimnisse ihres Gewissens – alles werden sie uns anvertrauen, und wir werden alles entscheiden. Und sie werden unserer Entscheidung mit Freuden glauben, weil sie durch diese von der großen Sorge und der furchtbaren Qual freier persönlicher Entscheidung befreit sein werden. Und alle die Millionen von Wesen werden glücklich sein, mit Ausnahme der Hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, die Hüter des Geheimnisses, werden unglücklich sein. Es wird Tausende von Millionen glücklicher Kinder geben und hunderttausend Dulder, die den Fluch der Erkenntnis von Gut und Böse auf sich genommen haben. Still werden sie sterben, still in deinem Namen erlöschen und jenseits des Grabes nur den Tod finden. Das jedoch werden wir geheimhalten und die Menschen durch die Verheißung einer ewigen, himmlischen Belohnung zu ihrem eigenen Glück locken. Denn selbst wenn es etwas im Jenseits gäbe, dann doch sicherlich nicht für solche wie sie. Es wird prophezeit, du würdest wiederkommen mit deinen Auserwählten, mit deinen Stolzen und Starken und einen neuen Sieg erringen. Aber wir werden sagen, diese hätten nur sich selbst gerettet, wir hingegen alle Menschen. Es wird gesagt, die Hure, die auf dem Tier sitzt und das Geheimnis in ihren Händen hält, würde beschimpft werden, und die Schwachen würden sich abermals empören und das Purpurgewand der Hure zerreißen und ihren gemeinen Körper entblößen. Doch dann werde ich aufstehen und dich auf die Tausende von Millionen glücklicher Kinder hinweisen, die keine Sünde gekannt haben. Und wir, die wir um ihres Glückes willen ihre Sünde auf uns genommen haben, werden vor dich hintreten und sagen: Verurteile uns, wenn du das kannst und wagst! Du sollst wissen, daß ich dich nicht fürchte. Daß auch ich in der Wüste war, daß auch ich mich von Heuschrecken und Wurzeln ernährte, daß auch ich die Freiheit segnete, mit der du die Menschen gesegnet hattest, daß auch ich mich vorbereitete, in die Schar deiner Auserwählten, der Starken und Mächtigen, einzutreten mit dem heißen Wunsch, ihre Zahl voll zu machen. Aber ich kam zur Besinnung und hatte kein Verlangen mehr, dem Wahnsinn zu dienen. Ich kehrte zurück und schloß mich denen an, die deine Tat verbesserten. Ich ging fort von den Stolzen und kehrte zu den Demütigen zurück, um diese glücklich zu machen. Was ich dir sage, wird in Erfüllung gehen, und unser Reich wird errichtet werden. Ich wiederhole, schon morgen wirst du sehen, wie diese gehorsame Herde auf meinen ersten Wink herbeistürzt und glühende Kohlen für deinen Scheiterhaufen zusammenscharrt. Für den Scheiterhaufen, auf dem ich dich verbrennen werde dafür, daß du gekommen bist, uns zu stören. Wenn jemals einer vor allen anderen unseren Scheiterhaufen verdient hat, so bist du es. Morgen werde ich dich verbrennen. Dixi.‹

[…]

Nachdem der Inquisitor geendet hat, wartet er einige Zeit auf eine Antwort des Gefangenen. Dessen Schweigen wird ihm peinlich. Er hat bemerkt, wie ihm der Gefangene die ganze Zeit still zugehört und eindringlich in die Augen gesehen hat – offenbar ohne die Absicht, etwas zu erwidern. Der Greis möchte, daß Er etwas sagt, und sei es etwas Bitteres, Furchtbares. Doch Er nähert sich plötzlich wortlos dem Greis und küßt ihn sacht auf die blutlosen welken Lippen. Das ist seine ganze Antwort. Der Greis fährt zusammen. Um seine Mundwinkel zuckt es, er geht zur Tür, öffnet sie und sagt zu Ihm: ›Geh und komm nicht wieder! Komm überhaupt niemals wieder! Niemals, niemals!‹ Und er läßt Ihn hinaus auf die dunklen Straßen und Plätze der Stadt. Der Gefangene geht!

[…]

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↗Quelle

David Maine:
Anweisung von ganz oben - The Preservationist

Als Noah aufgegessen hat, stellt er die Schale beiseite und räuspert sich. Die Frau erkennt dies als Hinweis auf eine bevorstehende Ankündigung und schenkt ihm ihre volle Aufmerksamkeit. Noah sagt: "Ich muss ein Boot bauen." "Ein Boot", wiederholt sie.

Der Autor David Maine nimmt die Erzählung, wie Noah die Arche baute, wörtlich. Doch ein Prediger ist der US-Amerikaner nicht, eher ein Schelm. Er nimmt die in der Bibel recht karg geschilderte Erzählung und füllt die Lücken im Handlungsablauf kreativ, aber im Geist der Geschichte auf. Heraus kommt ein aberwitziges Abenteuer - und ein witziges obendrein: Denn gerade die praktische Umsetzung des göttlichen Auftrags lässt einen immer wieder schmunzeln. Maines literarisches Rezept ist die simple Frage: "Wie muss ich mir das vorstellen?" Wie fühlte sich Noah, als ihm Gott mitteilte, er wolle - bis auf seine Familie - die gesamte Menschheit umbringen? Wo kamen die Baumaterialien für das Riesenschiff her? Wie hat man an Bord verhindert, dass sich die Tiere gegenseitig auffraßen? Auf all diese Fragen findet David Maine überraschende, oft komische Antworten; sein Roman ist reich an Slapstick. Doch obwohl einen das Buch zum Lachen bringt, macht es die Religion nicht lächerlich. Maine erzählt seine, die ausführliche Version der biblischen Geschichte in einer betont schlichten Sprache. Dabei zeichnet er eingängige Szenen, die oft nicht nur unterhaltsam, sondern auch anrührend sind oder nachdenklich stimmen.

(Quelle: ↗wdr5.de, teilweise verändert.)


David Maine: Anweisung von ganz oben
Bastei-Lübbe Taschenbuch
Roman
318 Seiten
ISBN 9783404922093
Amerikanische Originalausgabe: The Preservationist.
Publ. by St. Martin's Press, New York, 2004

The family consists of the 600-year-old paterfamilias; his unnamed 60-year-old wife; their three sons, Sem, Cham and Japheth; and the sons' three wives, whose names (of Maine's invention) are Bera, Ilya and Mirn. Like his father, Sem is a stolid man of faith and his wife, Bera, plods along. Japheth and Mirn are carefree youngsters. Cham, the craftsman who constructs the ark, found Ilya when he traveled to a nearby port. A pallid sylph from the north, she is familiar with a mysterious cold white substance she calls "snow" and has a hint of scientific curiosity. Oddly, the one thing that all of these people consider utterly unsurprising is the notion that the deity would inform Noe of His intended destruction and order him to create the vast ark that would save only them. Sluggish or skeptical, they immediately obey. Thus, paradoxically, The Preservationist's realism surprises us, although the book portrays extraordinary prophecy as common. By inverting norms, Maine avoids tedium and longueurs during the 40 days and nights of rain.

This pattern of the expected and the unexpected is echoed throughout the narrative, first by the different voices that tell the tale and then by the language that veers between the archaic and the willfully anachronistic. When Noe's wife describes him, she uses images of the ancient world: "Lizard skin and hands like roots. Big cloud of hair like a patch of uncut wool dragged through the dust . . ." Yet at other times, modern idiom seeps in. Japheth calls Bera's babies "twerps," and Cham calls the flood "the world's biggest demolition job."

Through the family's ordeal, Maine's eight characters in search of an acre begin to come to self-consciousness, concluding with the post-landing episode in which Noe's sons witness their father's drunken nakedness. As Adam and Eve once fell through guilt in the Garden, Noe's sons fall in the new Eden through shame. They have become the kind of people who ponder their salvation and their neighbors' drowning and ask, "Why me, and not them? Why them, and not me?" These are questions that couldn't be answered then and can't be now, and that's why they remain eternally valid.
(Source: ↗washingtonpost.com)

Noe says, -I must build a boat.
-A boat, she says.
-A ship, more like. I'll need the boys to help, he adds as an afterthought.
-We're leagues from the sea, she says, or any river big enough to warrant a boat.
This conversation is making Noe impatient. -I've no need to explain myself to you.
-And when you're done, she says carefully, we'll be taking this ship to the sea somehow?
As usual, Noe's impatience fades quickly. -We'll not be going to the sea. The sea will be coming to us.

«In this brilliant debut novel, Noah's family (or Noe, as he's called here), his wife, sons, and daughters-in-law, tell what it's like to live with a man touched by God, while struggling against events that cannot be controlled or explained. When Noe orders his sons to build an ark, he can't tell them where the wood will come from. When he sends his daughters-in-law out to gather animals, he can offer no directions, money, or protection. And once the rain starts, they all realize that the true test of their faith is just beginning. Because the family is trapped on the ark with thousands of animals, with no experience feeding or caring for them and no idea when the waters will recede, what emerges is a family caught in the midst of an extraordinary Biblical event, with all the tension, humanity, and even humor that implies.»
(Source: ↗www.audible.com)


«This is Noah as you've never experienced him before: living, breathing, human. We get to know him an his family up close and personal. In Carolyn Chute's words, "Once they were strangers to us. distant as specks. no more! ... it is in the daily, the ordinary 'Noah family,' the 'what's for breakfast?,' the aching feet, the little insults or winks, the slap on the back, the gathering of insects in cupped hands that we know thme now as we know ourselves, the family next door preparing to face the unknown." Every member of the family contributes his or her point of view. Meanwhile, every animal, bird, and insect in the world shares the crowded, smelly, rudderless quarters while angels ride the thermals overhead.
Based, of course, on the biblical story, The Preservationist is a retelling, an amplification, and a wildly original, utterly memorable work of literary art.»
David Maine was born in 1963 and grew up in Farmington, Connecticut. He currently lives and teaches English in Pakistan. He is married to novelist Uzma Aslam Khan. The Preservationist is his first novel.

(Source: ↗HighBridge Audio)


[...] What justifies Mr. Maine's appropriation of this biblical story? [...] He envisions the events in Noe's life with a mixture of awe and realism, and with a voice that is clear, distinct and (remarkable, under the circumstances) dry. "We'll not be going to the sea," Noe tells his wife, upon announcing that he must build the ark. "The sea will be coming to us." And, "This is one storm we don't want to be caught out in, hm?"

The wife is 14 [that's slightly incorrect; the truth is: 60 - JoHammonia] years old, and she is dubious. "So when Himself starts with the visions and the holy labors and the boat full of critters, what am I supposed to do?" she asks. She is also just irreverent enough about the pleasures of being married to a man six centuries old. "Himself was a novelty all right," she tells the reader. "Lizard skin and hands like roots. Big cloud of hair like a patch of uncut wool dragged through the dust a few dozen times." And when it comes time to multiply: "The way he carries on, I expect to be a widow by morning. Grunts give way to moans and then strangled shrieks, as if the old boy's being eaten by ants." There aren't many particulars that Mr. Maine leaves unmentioned.

"The Preservationist" is poised somewhere in the gap between holy visions and practical details (like the hygienic upkeep of a floating "barnyard in a box"). It is an elegant, inventive book and in no way a cynical one, despite the author's keen appreciation of the incongruous. After having to answer questions about just how much timber he needs for this undertaking, Noe closes his eyes and thinks, "Things were much clearer when God was explaining." The book resounds with the gravity of Noe's mission even as it invents the quotidian details of his story.

"A lesser man might be tempted to lie," Mr. Maine writes about Noe's calling. "A greater man might proudly refuse to answer. Noe is an ordinary man, 600 years old, conversing with giants, touched by God. He says, The Lord intends to destroy all the earth."

And why should those who are doomed agree to help him? "So you are not forgotten forever," he says, adding, "So that when we survive to tell our story, and our sons and grandsons do the same, your memory will live on within us." Indeed, by the time the book is in midflood, Noe's son Japheth is adding: "At least we'll have a Hell of a story to tell the grandkids, thinks I."

Mr. Maine, who grew up in Connecticut and now lives in Pakistan, brings a broad range of attitudes to this literary embroidery. He can write eloquently, as when he describes the animals finally debarking ("Elephants squelched knee-deep in marshy soil; big cats slunk away like sinners"). He can be almost flippant: "Rain pelts down like God's judgment, which it is."

And he can envision the roots of mankind's different races. [...O]ne of Noe's daughters-in-law rescues two babies, "shriveled and black as bats," before the flood begins [...].

In its shadings of light (gambling on the ark, using monkeys and water buffalo as currency) and dark (Noe's nightmare visions of those he could not save), "The Preservationist" is a book with a broad range. It is also quick and succinct, remarkably so when contemplating divine power. "He's a master craftsman I'll grant," says Noe's son Cham -- whose bringing on a curse for mocking his father's nakedness is one more of the biblical events that this book dramatizes. "But unlike most such He's short on respect for the things He builds and a touch too eager to reduce them to dust."

"The Preservationist" establishes both its author's temerity and his talent with that kind of observation. And it has the audacity to ask the ultimate question about the flood: Why did God do it? The book's characters have various answers, from "because he wants to encourage us to do better" to "because he can." But the one that sticks comes from Japheth, and captures the no-nonsense vigor of this novel: "Because He's the boss and don't you forget it."

(Source: ↗The New York Times)


In The Preservationist (St. Martin's; 230 pages), first-time novelist David Maine picks on Noah again, and with good reason. The story of Noah, crowded with incident though it is, gets just four brief chapters in Genesis, and Maine has a terrific time romping around in the gaps between the verses, mouthing off in the somber silences between those Old Testament phrases. How does it feel to be 600 years old, as Noe (Maine uses archaic spellings for biblical names) was at the time of the flood? The Bible offhandedly mentions giants — what were those dudes like? Noe's three sons had wives, who presumably had names and personalities and feelings of their own. For Maine, the devilment is in those kinds of details.

As it turns out, much of the fun of The Preservationist lies with Noe's daughters-in-law, who furnish him with a chatty, catty shipboard peanut gallery. His eldest son Sem (usually spelled Shem) is married to unflappable, pragmatic Bera, who gets stuck with a lot of the animal-gathering chores. "The problem with people who think that God will provide," she remarks tartly, "is that they think God will provide." Cham (Ham)--the most skeptical of the sons and the most sympathetic — is paired with mysterious, icy Ilya, a refugee from a northern land who subjects Noe's religious zeal to intellectual scrutiny. "Only a man's god," she snaps, "would show love for his creation by destroying it."

Of course, Noe has the toughest job, as both servant of an enigmatic, irascible deity and sitcom father to that feuding brood. Maine treats him irreverently, but if he knocks the patriarch down a peg, it's only so that we can re-encounter the hoary Old Testament icon afresh as a sensual, fallible human being and really appreciate his greatness and his sacrifice. The Preservationist reminds us that being God's servant 24/7 is both the ultimate privilege and a hell of a lot of hard work, and Noe is the hardest-working man in the Bible.

There is far more to Noe's story than even a talented writer like Maine could tell in a dozen novels [...].

(Source: ↗Time)


The interaction between God and man is the oldest in literature, from the myths of ancient Greece, to the scriptures of Hinduism, the written word seems to have been created for the sole purpose of discussing our position in the realm of the metaphysical. In recent centuries the shift has been to the mundane and all things spiritual one can find in life itself. Main is one of those writers who seek to combine the two, the ancient and religious with the post modern accent on life itself. The early stories of the Old Testament are perfect for his task.

In his first novel, Maine takes up one of the most famous of these, that of Noah and his family. Within the Bible, the entire account, from introduction of his lineage to the recession of the water and expansion of his family takes no more than a couple of chapters. Maine takes those couple of chapters and blows them up into a fully realized, brilliantly characterized novel.

Not only does he manage to bring to life all of the ethos that a family forced to live as such would face, but also of the individual reactions and interactions, of Noah's sons and their wives, of the strict God fearing life he leads and the stress this puts on his family, but also of the pain he saves them through his sacrifices. His family's perspective is just as important though, from the youth of the youngest son to the weary devotion of his wife, Noah's tale is told again and again through a half dozen perspectives, each of them fresh in their own way and brought to life in Maine's special voice.

(Source: associatedcontent.com)


David Maine's Blog

Walter Kempowski - Tadellöser & Wolff

Historiograph des vergangenen Deutschland

clipped from www.adk.de
1929 Geboren am 29. April in Rostock

1944 Im September Einweisung in eine Strafeinheit der Hitlerjugend.

1945 Am 17. Februar Einberufung als Luftwaffenkurier. Am 26. April fällt der Vater auf der Frischen Nehrung.

1948 Besuch in Rostock, am 8. März Verhaftung, am 20. August zusammen mit seinem Bruder von einem sowjetischen Militärtribunal wegen Spionage zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt, seit Anfang September im Zuchthaus Bautzen. Verurteilung der Mutter zu zehn Jahren Strafarbeitslager im Frauengefängnis Hoheneck wegen »Nichtanzeigens von Agenten des ausländischen Nachrichtendienstes«.

1956 Am 7. März vorzeitige Entlassung aus dem Zuchthaus

1957 In Göttingen Abitur und Studium an der Pädagogischen Hochschule. Recherchen für eine umfangreiche Familien-Chronik.

Dorfschule in Breddorf bei Zeven

1971 Mit Tadellöser & Wolff Auftakt zur Deutschen Chronik. Förderpreis des Lessingpreises der Stadt Hamburg.

1996 Großes Bundesverdienstkreuz.

† 5. Oktober 2007 in Rotenburg (Wümme)
Walter Kempowski

Nensch: Walter Kempowskis Miese-Stempel und Gütesiegel

(www.nensch.de/story/2007/10/7/185728/199)

„Tadellöser & Wolff. Ein bürgerlicher Roman”.
Ein familieninterner Sprachscherz ist das: „Tadellos” ist eine superlativische Wertung, man kann sie eigentlich nicht steigern. Die Kempowskis aber haben den Komparativ „Tadellöser” und  dann noch einen Superlativ, den  „Tadellöser & Wolff”. Die Firma „Loeser & Wolff” stellt Zigarren her. Karl Kempowski,  Rostocker Reeder, Leutnant der Reserve, männliches Oberhaupt der Kempowskifamilie,  klassifiziert spielerisch das hauseigene Tabakmaterial: Gute Zigarren, die er und andere rauchen,  sind „Tadellöser”, Zigarren,  nur für ihn sind „Tadellöser & Wolff”. Zigarren für Verwandte und Lieferanten sind „Miesnitzdörfer  & Jensen”.  

Die Familie Kempowski  - der Vater Karl, die Mutter Grete, die Tochter Ulla und die beiden Söhne Robert und Walter - lieben  ihren Privatjargon, man „hökt sich nicht” bei solch Kalauer-Komparation  - munter klassifiziert man Essen, Musik, Politik. Alles kriegt die kempowskische  Brandmarke ab, das Gütesiegel oder den Miese-Stempel.

Was macht das „Branding” dieser Kempowskis aus, was kennzeichnet sie?  Das, was jeder Leser kennt, der Binnenraum der Familie,  ihre  Sprechweise -  ihre bewährten  Orientierungsmuster,   ihre Rezepte für das Leben „innen” und das Leben „außen”. Die Wahrnehmungsmuster einer bürgerlichen Mittelschicht („Ein bürgerlicher Roman”) beherrschen die Seiten. Wie sie die Zeit des „Dritten Reiches” wahrnimmt. Und schon stellen sich vielleicht Fragen ein:

  • Was wusste die Familie Kempowski damals vom Faschismus oder was (wie viel)  konnte man wissen, wenn man denn nur wollte?
  • Hat man mit vollem Bewusstsein schlimmes Handeln der Führung billigend in Kauf genommen, hat man es sogar gewollt und befürwortet?
Aber: Kaum direkte Antworten. All das gefasst in der Perspektive des zwölfjährigen Walters.  Sein Standort liegt unmittelbar im Geschehen. Wir nehmen  mit seinen Augen und Ohren wahr, was geschieht. Impressionen, Augenblicksbilder, alles sehr nahe an dem  Erlebenshorizont des Jungen. Warum das? Warum nicht die Information über das Ganze?
  • Kurze Momentaufnahmen - optisch als Textblöcke, als Miniszenen  sichtbar - reihen sich als kleine Miniaturen hintereinander. Short-Cuts sind das, Minimalszenen. Sie lassen  sich  oft austauschen oder streichen, ohne dass sich der Sinn des ganzen Textes gravierend ändern würde. Also Überflüssig? Also strukturlose Addition von Bildern?
  • Überleitungen und Verknüpfungen, die wir von  fortlaufendem Erzählen kennen, fehlen oder sind höchstens in Spuren vorhanden.  Gewiss hat auch ein Junge seine Einstellung zum Geschehen, er beurteilt  schließlich sein  Umfeld. Aber er äußert sich kaum. Und würde er sich äußern,  so wäre das kaum reflektiert. Und damit dann auch nicht verbindlich.
  • Was bewirkt die „einfache”, die deutungsabstinente Erzählweise beim Leser? Liefert sie ein unberechtigtes, unreflektiertes Verständnis für diese Mittelschichtmentalität? Einlullende Komik, ein betüterndes Verharmlosen? Humorige Kauzigkeit unverhältnismäßig angesichts des Sujets? Ein Manko, ein Defizit, ein produktives Ausklammern? Oder: Erkennendes  Lachen,  satte Groteske von Selbstbezogenheit und Naivität?

Ein typischer, familiärer  Mittelschichts-Code ist bei den Kempowskis zu beobachten:

  • Bildungscode, Verdrängungsroutinen, Erklärungsklischees und manchmal fade Floskeln.
  • Daneben aber auch zum Lächeln - wie in jeder Familiensprache -  Anekdoten und Privatscherze („immerhinque”; „Wie isser bloß gesund, der Vati; nicht tot zu kriegen, ganz entsetzlich”),
  • Kosenamen („Peterpump”, Na du Schleef"),
  • Wertungen („völlig verbumfeit”; „Gut dem Dinge”; „Ihr sollt mal sehen, das wird noch wunderbar”; „Gutmannsdörfer”; „Kann es nu nich immer so sein?”; „Klare Sache und damit hopp!”)
  • und Frotzeleien („Du siehst ja wirklich verheerend aus, so speckig und verpupt. Wirklich ekelerregend. Viehisch.”)
Und  man spürt als Leser  all die Wärme und Sicherheit, die man in einem  familiären Biotop genießen kann, selbst wenn man unglücklich ist, weil der Krieg wütet: „Oh, oh, das sieht ja böse aus. Wie is es nu zu fassen. Aber ihr werdet sehen, das Rad dreht sich.”

"Confrontation between the private and the political spheres of life"

www.intouchde.org.uk

His still most popular work is Tadellöser & Wolff, published in 1971, and made into a superb television series by one of Germany's most impressive directors, Eberhard Fechner, in 1975. It was even shown on one of the British television channels with sub-titles, if I remember correctly. But, so far as I know, the book remains unavailable in English.

Walter Kempowski's homepage (www.kempowski.de): "Das eigentliche Thema des Romans ist die Konfrontation des Privaten mit dem Politischen, die Frage nach dem Verhalten des deutschen Bürgertums in Deutschlands dunkelsten Zeitläuften. Hinter all den Sonderlichkeiten, den Sprüchen und Harmlosigkeiten bürgerlicher Existenz scheint das Versagen einer ganzen sozialen Schicht auf. (The actual subject of the novel is the confrontation between the private and the political spheres of life, the question of how the German middle class behaved during Germany's darkest days. Behind all the odd habits, the little sayings and the artlessness of bourgeois existence is revealed the failure of an entire social class.)
[...W]hat is meant by "the failure of an entire social class"? "Failure" and "entire" both smack of prejudice. [...] Isn't the author allowed to have simply enjoyed writing about his family history? Is it really necessary for him to justify having been born into a family which happened to be German and happened to live during the last stages of the Imperial German Empire, the First World War, the Allied Occupation, the Weimar Republic, the Second World War, the second Allied Occupation and the division of Germany into East and West?

All that said, I do hope a competent and sensitive translator will be found to give us an English version of Kempowski's Tadellöser und Wolff (1971). Kempowski wrote it in the language of his remembered youth and the family conversations are full of the sort of quirky expressions that close-knit families often develop, a miniature language understood only by the initiated, interspersed with allusions and humorous wordplay. Maybe younger generations are so dominated by what they pick up from films and television that they don't develop private family languages any more. We did, and I remember the first time I read Tadellöser und Wolff being fascinated to discover that the Kempowskis spoke in their own language just like we used to, a mini-dialect, as it were, funny and cosy and irreverent. The title of the book Tadellöser und Wolff, for instance, was Herr Kempowski's favourite way of expressing approval, a mixture of the adjective tadellos (faultless) and Loeser und Wolff, the name of the firm where he bought his cigars. The firm had its own building on the corner of Potsdamerstraße and Schöneberger Ufer - you can occasionally catch a glimpse of it in films of old Berlin - a fine seven-storey house built in the late twenties. Frau Kempowski comments gently on all and sundry with the words Wie isses nun zu fassen? or Wie isses nun bloß möglich? (roughly equivalent to Would you believe it?) and Zu und zu schön! (too, too lovely!). Talk is laced with self-fabricated Latinisms reminiscent of schooldays - immerhinque (even so), with nautical terms -Volle Kraft voraus! (full steam ahead! - when turning on the taps on the washbasin), with Low German dialect - Na denn giv mi ma mine Tasch. Is dat noog? (Well then give me my wallet. Is that enough? - Grandfather handing out pocket money) and with snatches of hymns, rhymes and advertising jingles, depending on the context. The real sense of the Kempowski family conversation is almost impossible to translate adequately, and this is doubtless is true of all such homemade languages. After all, their purpose is the sharing of common humour and the expression of affection without the embarrassment of becoming too emotional, while at the same time excluding strangers from the conversation.

www.intouchde.org.uk

Kempowski - mehr als Tadellöser & Wolff

(www.kempowski-gesellschaft.de/)

Mitverantwortlich für den Erfolg von Tadellöser und Wolff ist sicher auch die Verfilmung, die Eberhard Fechner 1972 für das ZDF produziert. Für die weitere Kempowski-Rezeption hat diese Adaption allerdings eine äußerst zwiespältige Wirkung: Völlig unbestritten ist, dass Fechners Film Fernsehunterhaltung auf höchstem Niveau bietet. Die Kritik des deutschen Bürgertums, die den Roman kennzeichnet, kann auf dem Bildschirm allerdings kaum zum Ausdruck gebracht werden. Die Eingängigkeit des Filmes hat zur Folge, dass mancher Kritiker sich nicht mehr die Mühe macht, Kempowski im Original zu lesen. Die Gleichsetzung von Roman und Verfilmung ist mitverantwortlich für die Wende in der Kempowski-Rezeption, die in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre spürbar wird: Nach anfänglichem Lob setzen sich allmählich Interpretationsansätze durch, die in Tadellöser und Wolff lediglich rührselige Erinnerungsliteratur erkennen wollen. Kritiker überlesen das kritische Potential des Romans, ihnen fehlt es bei Walter Kempowskis an der offenen politischen Stellungnahme. Mit seinen Bemerkungen zur Deutschlandpolitik oder dem energischen Plädoyer für den Erhalt der so genannten „Zwergschulen“ zeigt Kempowski auch in den folgenden Jahren wenig Neigung zur Anpassung an den Zeitgeist. Kempowskis Unangepasstheit bringt ihm schnell oberflächliche Etikettierungen wie die des „schreibenden Dorfschullehrers“ oder „verschrobenen Dokumentensammlers“ ein. Im bundesrepublikanischen Literaturbetrieb bleibt er Außenseiter. Ablehnung und Kritik treffen den Schriftsteller und lassen ihn zunehmend empfindlicher werden. Seine literarische Produktion bleibt davon allerdings unbeeindruckt: In den folgenden Jahrzehnten fügt Kempowski seinem Werk weitere Komponenten hinzu: Es entstehen Schulfibeln und Kinderbücher, Hörspiele, Tagebücher und weitere Romane. Darüber hinaus veranstaltet er Literaturseminare, fördert den schriftstellerischen Nachwuchs und lehrt an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland.

Walter Kempowskis letzter Dialog

(taz, 06.10.2007)

Im Himmel. Am Tor zum Paradies ist ein kleines Schild angebracht: "Paradies. Bei Petrus hier klingeln". Walter Kempowski klingelt. Ein bärtiger Herr öffnet das Tor...

"Ja, bitte?"

"Guten Tag, Walter Kempowski."

"Wie isses nur möglich?"

"Wie bitte?"

"Ach, Herr Kempowski. Greulich und abscheulich, dass Sie jetzt auch schon bei uns gelandet sind.

"Sie kennen mich?"

"Was das nun wieder soll? Wohl vom Wahnsinn umjubelt. Wir sind hier Ihre größten Fans."

"Na immerhinque, mühsam ernährt sich das Eichhörnchen."

"Wir kennen es alles in- und auswendig: noch und nöcher."

"Gut dem Dinge."

"Und jetzt diese Scheiße mit Reiße. Es ist nicht schön, Sie so aus dem Leben gerissen zu sehen."

"Miesnitzdörfer und Jensen."

"Wirst mal sehen, Peterpump, das Rad dreht sich auch wieder."

"Timotheus, Timotheus, Pukking!"

"Tu mir die Liebe: Kommen Sie erstmal herein."

"Klare Sache, und damit hopp."

(Walter Kempowski tritt nach rechts ab ins Paradies.)

Marica Bodrožić, Heimat in der deutschen Sprache

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Bild: Marica Brodrozi; Rechte: Marko Lipus/www.Literaturfoto.net
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Marica Bodrožić (* 1973 in Svib, Kroatien)
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Ihre Sprache betört Leser und Kritiker gleichermaßen
Die aus Dalmatien stammende Autorin Marica Bodrozic kam als zehnjähriges Mädchen zu ihren Eltern nach Deutschland. Die erste Zeit sprach sie kein Wort, doch dann entdeckte sie für sich den Zauber deutscher Worte und Sätze. Diese Sprache wird für sie zum Mittel, um den Verlust ihrer Heimat und das fremde Neue zu verarbeiten.
Nach längeren Aufenthalten in Paris und Zürich lebt die 34jährige heute in Berlin. Dort gibt sie Kurse im literarischen Schreiben für Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien und freut sich, wenn sie anfänglich gelangweilte kleine Literaturschüler für die Sprache begeistern kann.
* Ein Kolibri kam unverwandelt. Gedichte. Otto Müller Verlag, Salzburg 2007
Portrait
Born in Croatia in 1973, Marica Bodrozic later moved to Germany and studied cultural anthropology, psychoanalisis and Slavic studies in Frankfurt/Main. Her literary debut "Tito ist tot" was awarded the Heimito-von-Doderer-Prize 2002. Nowadays she lives and works as an author in Berlin.
Suhrkamp Verlag
Siehe auch Marica Bodrožić - Eine Reise durch mein Kroatien.

EIN KOLIBRI KAM UNVERWANDELT
in die Gattung der Träume hinein,
sah sich um, sah die dort vorhandenen
Menschen, malte seine Flügel blau und sagte
zu den Zweibeinigen: ich bin der Himmel.
Die Farbe sprach dafür.
Aber die Leute hatten keine Beweise.
Also schwiegen sie feige um die Schönheit
herum, gaben vor, Diplomatie zu betreiben.
Sie rechneten, betrieben Kalkulation
und teilten am Ende dem Kolibri mit,
man habe beschlossen, Farbe,
das sei Illusion. Der Vogel staunte,
er lernte das Staunen unvermittelt
von den Menschen, flog zu den lila Blüten,
setzte sich hin und packte sein Zauberbuch aus.
Dann blätterte er einige Mal hin und her,
verwandelte sich in einen Schmetterling,
malte seine Flügel blau und sagte
zu den Menschen: ich bin der Himmel.
Die Farbe sprach dafür.
Aber die neuen Kinder hatten keine Träume mehr.
Sie nahmen das sprechende Wunder
zwischen die Finger. Und erst der Staub
rief sie ins Staunen. Der Schmetterling
wurde unterdessen gelb, flog in die Urgegend
der Bilder, ruhte auf den reifenden Zitronen,
wurde ein Kolibri, kam unverwandelt
in die Gattung der Träume hinein,
sah sich um, sah die dort vorhandenen
Menschen, und hatte Geduld.

Marica Bodrožić