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Marica Bodrožic': Ein Kolibri kam unverwandelt

Ein Kolibri kam unverwandelt

in die Gattung der Träume hinein,

sah sich um, sah die dort vorhandenen

Menschen, malte seine Flügel blau und sagte

zu den Zweibeinigen: ich bin der Himmel.

Die Farbe sprach dafür.

Aber die Leute hatten keine Beweise.

Also schwiegen sie feige um die Schönheit

herum, gaben vor, Diplomatie zu betreiben.

Sie rechneten, betrieben Kalkulation

und teilten am Ende dem Kolibri mit,

man habe beschlossen, Farbe,

das sei Illusion. Der Vogel staunte,

er lernte das Staunen unvermittelt

von den Menschen, flog zu den lila Blüten,

setzte sich hin und packte sein Zauberbuch aus.

Dann blätterte er einige Mal hin und her,

verwandelte sich in einen Schmetterling,

malte seine Flügel blau und sagte

zu den Menschen: ich bin der Himmel.

Die Farbe sprach dafür.

Aber die neuen Kinder hatten keine Träume mehr.

Sie nahmen das sprechende Wunder

zwischen die Finger. Und erst der Staub

rief sie ins Staunen. Der Schmetterling

wurde unterdessen gelb, flog in die Urgegend

der Bilder, ruhte auf den reifenden Zitronen,

wurde ein Kolibri, kam unverwandelt

in die Gattung der Träume hinein,

sah sich um, sah die dort vorhandenen

Menschen, und hatte Geduld.

 

Matthias Claudius: Abendlied

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
   
Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor Dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn Du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!
   
So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

Matthias Claudius, 1740-1815

Classic_Meets_Cuba.mp3 Listen on Posterous

Johann Abraham Peter Schulz (1747-1800) (Lieder im Volkston,bey dem Claviere zu singen, 1790), hier mit kubanischem Hintergrund musiziert von Klazz Brothers and Cuba Percussion; Münchner Rundfunkorchester, Roger Epple

Loriot: Advent

Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken,
Schneeflöcklein leis herniedersinken.
Auf Edeltännleins grünem Wipfel
häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.
Und dort vom Fenster her durchbricht
den dunklen Tann ein warmes Licht.
Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.
In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht.
Er war ihr bei des Heimes Pflege
seit langer Zeit schon sehr im Wege.
So kam sie mit sich überein:
am Niklasabend muß es sein.
Und als das Rehlein ging zur Ruh',
das Häslein tat die Augen zu,
erlegte sie direkt von vorn
den Gatten über Kimm und Korn.
Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase
und ruhet weiter süß im Dunkeln,
derweil die Sternlein traulich funkeln.
Und in der guten Stube drinnen
da läuft des Försters Blut von hinnen.
Nun muß die Försterin sich eilen,
den Gatten sauber zu zerteilen.
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.
Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied
(was der Gemahl bisher vermied) -,
behält ein Teil Filet zurück
als festtägliches Bratenstück
und packt zum Schluß, es geht auf vier,
die Reste in Geschenkpapier.
Da tönt's von fern wie Silberschellen,
im Dorfe hört man Hunde bellen.
Wer ist's, der in so tiefer Nacht
im Schnee noch seine Runde macht?
Knecht Ruprecht kommt mit goldnem Schlitten
auf einem Hirsch herangeritten!
He, gute Frau, habt ihr noch Sachen,
die armen Menschen Freude machen?
Des Försters Haus ist tiefverschneit,
doch seine Frau steht schon bereit:
Die sechs Pakete, heil'ger Mann,
's ist alles, was ich geben kann.
Die Silberschellen klingen leise,
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.
Im Försterhaus die Kerze brennt,
ein Sternlein blinkt - es ist Advent.


↗Video

Marica Bodrožić, Heimat in der deutschen Sprache

clipped from www.wdr5.de
Bild: Marica Brodrozi; Rechte: Marko Lipus/www.Literaturfoto.net
clipped from de.wikipedia.org
Marica Bodrožić (* 1973 in Svib, Kroatien)
clipped from www.wdr5.de
Ihre Sprache betört Leser und Kritiker gleichermaßen
Die aus Dalmatien stammende Autorin Marica Bodrozic kam als zehnjähriges Mädchen zu ihren Eltern nach Deutschland. Die erste Zeit sprach sie kein Wort, doch dann entdeckte sie für sich den Zauber deutscher Worte und Sätze. Diese Sprache wird für sie zum Mittel, um den Verlust ihrer Heimat und das fremde Neue zu verarbeiten.
Nach längeren Aufenthalten in Paris und Zürich lebt die 34jährige heute in Berlin. Dort gibt sie Kurse im literarischen Schreiben für Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien und freut sich, wenn sie anfänglich gelangweilte kleine Literaturschüler für die Sprache begeistern kann.
* Ein Kolibri kam unverwandelt. Gedichte. Otto Müller Verlag, Salzburg 2007
Portrait
Born in Croatia in 1973, Marica Bodrozic later moved to Germany and studied cultural anthropology, psychoanalisis and Slavic studies in Frankfurt/Main. Her literary debut "Tito ist tot" was awarded the Heimito-von-Doderer-Prize 2002. Nowadays she lives and works as an author in Berlin.
Suhrkamp Verlag
Siehe auch Marica Bodrožić - Eine Reise durch mein Kroatien.

EIN KOLIBRI KAM UNVERWANDELT
in die Gattung der Träume hinein,
sah sich um, sah die dort vorhandenen
Menschen, malte seine Flügel blau und sagte
zu den Zweibeinigen: ich bin der Himmel.
Die Farbe sprach dafür.
Aber die Leute hatten keine Beweise.
Also schwiegen sie feige um die Schönheit
herum, gaben vor, Diplomatie zu betreiben.
Sie rechneten, betrieben Kalkulation
und teilten am Ende dem Kolibri mit,
man habe beschlossen, Farbe,
das sei Illusion. Der Vogel staunte,
er lernte das Staunen unvermittelt
von den Menschen, flog zu den lila Blüten,
setzte sich hin und packte sein Zauberbuch aus.
Dann blätterte er einige Mal hin und her,
verwandelte sich in einen Schmetterling,
malte seine Flügel blau und sagte
zu den Menschen: ich bin der Himmel.
Die Farbe sprach dafür.
Aber die neuen Kinder hatten keine Träume mehr.
Sie nahmen das sprechende Wunder
zwischen die Finger. Und erst der Staub
rief sie ins Staunen. Der Schmetterling
wurde unterdessen gelb, flog in die Urgegend
der Bilder, ruhte auf den reifenden Zitronen,
wurde ein Kolibri, kam unverwandelt
in die Gattung der Träume hinein,
sah sich um, sah die dort vorhandenen
Menschen, und hatte Geduld.

Marica Bodrožić

Robert Gernhardt: Couplet von der Erblast

clipped from www.ksj.de

"Die Kirche muss endlich jene frauenfeindlichen Erblasten aufarbeiten, die durch spätantike Männerkreise in die ursprünglich frauenfreundliche Botschaft Jesu hineingetragen worden ist."
Aus einer Sendung des Kirchenfunks

Spätantike Männerkreise
Haben Jesu Wort verbogen
Haben seine frohe Botschaft
Korrumpiert und umgelogen
Korrigierten Evangelien
Kujonierten die Gemeinden
Überließen Führungsposten
Unverstellten Frauenfeinden
Herr, wer ritt uns in die Scheiße?
Spätantike Männerkreise!

Spätantike Männerkreise
Eure Stunde hat geschlagen
In der Kirche haben Chauvis
Gottseidank nichts mehr zu sagen
Mußte in der Spätantike
Alles um die Männer kreisen
Wirft man eure Erblast heute
Hohnlachend zum alten Eisen
Und wer spuckt euch in die Suppen?
Postmoderne Frauengruppen!

Cees Noteboom: Träume

Träume sind wahr, weil sie geschehen,
unwahr, weil niemand sie sieht,
außer dem einsamen Träumer.

Auch im Schlaf schlägt dem Träumer das Herz,
seine Augen schreiben den Traum, er ist jetzt
und nicht in der Welt. Er schläft diesseits und jenseits der Zeit.

Die Seele hat zwei Augen, das träumt er.
Das eine schaut auf die Stunden, das andere schaut hindurch,
bis dort, wo die Dauer nie aufhört,
das Sehen im Schauen vergeht.

(Gedichte, Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1992)