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Sumaya Farhat-Naser: Hermann Kesten-Preis 2002

Hermann Kesten-Preis 2002

Es ist mir eine große Freude und Ehre, die Hermann-Kesten-Medaille empfangen zu dürfen, stellvertretend für alle Autorinnen und Autoren, die sich für die Wahrung der humanen Werte einsetzen und das geschriebene Wort als Mittel des Kampfes für Freiheit und Menschenrechte gebrauchen. Die Würdigung gilt all jenen, die die Wahrheit aufdecken, die Lebenssituationen der Menschen aufzeichnen, ihre Empfindungen und Gefühle wiedergeben, Unterdrückung und Entwürdigung sowie Diskriminierung und Ausgrenzung beim Namen nennen und jegliche Gewaltanwendung verurteilen - auch wenn sie dadurch Gefahren ausgesetzt sind und in ständiger Bedrohung leben müssen. Sie wahrzunehmen und anzuerkennen, sie zu ermutigen und ihnen einen gewissen Schutz zu bereiten ist von hohem Wert.

Wir befinden uns zur Zeit in der brutalsten Phase unseres Konfliktes. Unser Dasein beruht auf einer Ideologie, die das Existenzrecht der anderen Seite als im Widerspruch zum eigenen Existenzrecht verstanden wissen will. Deshalb wird die praktizierte Politik auf das Ausgrenzen des Anderen, das Negieren seiner Identität und Rechte ausgerichtet. Die Enteignung von Grund und Boden, die Zerstörung der Infrastruktur und des sozialen Gefüges, die Verhinderung einer normalen, gesunden gesellschaftlichen Entwicklung, die alltägliche Störung von Bildung und Erziehung werden mit dem eigenen Sicherheitsbedürfnis gerechtfertigt. Unsere beiden Völker stehen sich gegenüber als Besatzer und Besetzte, wie Herren und Knechte. Niemals kann ein Volk auf Dauer ein anderes Volk beherrschen, demütigen, entrechten und dabei selbst human, demokratisch und normal bleiben.

Solange beide Völker danach streben, die andere Seite in Ghettos oder Bantustans einzuschließen, zerstören sie sich. Niemals kann eine Seite Land, Sicherheit und Frieden für sich allein beanspruchen. Beide Seiten gewinnen dies aber, wenn sie sich gegenseitig dieselben Rechte zugestehen, das begangene Unrecht eingestehen und zugeben, dass das Land beiden gehört, dass es groß genug ist für beide Völker, so dass jedes Volk im eigenen Staat frei und souverän leben kann. Eine politische Perspektive für Freiheit und ein Leben in Würde ist das einzige Mittel, um die Gewalt zu beenden, um eine friedliche Koexistenz und schließlich auch Versöhnung zu schaffen.

Wer um diese Probleme mehr wissen will, kann sie erfahren. Doch die meisten wollen möglichst wenig davon wissen, weil es schwer ist, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen - vor allem als Deutsche. In Israel existieren viele Menschenrechtsorganisationen und Friedensgruppen, die täglich über die Ungerechtigkeiten berichten, die sich aktiv und vielseitig einsetzen, um den Unterdrückten beizustehen und ihre Not mitzutragen oder gar zu lindern. Ihre Schriften und Dokumentationen liefern die Beweise, und ihre Stimmen sind wie Lichter, die unserem Volk noch Hoffnung schenken und uns nicht ganz verzweifeln lassen. Mit großer Ehrfurcht und hohem Respekt möchte ich ihnen allen danken. Hier nenne ich stellvertretend Gush Shalom mit Uri Avnery, Bat Shalom, Ta'ajush, Oz ve Shalom, B'tselem, das Komitee gegen Hauszerstörung, das Komitee gegen Folter in Israel. Vertreterinnen und Vertreter dieser Organisationen standen zum Beispiel in letzter Zeit als menschliche Schutzschilde zwischen Militär und Siedlern auf der einen und den palästinensischen Bauern auf der andern Seite, damit die Olivenbäume ohne Gefahr für die palästinensischen Pflücker und Pflückerinnen abgeerntet werden konnten. Friedensgruppen bringen Nahrung und Medikamente in Gebiete, die durch zerstörte Straßen und Checkpoints komplett abgeriegelt sind; sie spüren die Entwürdigung und Entrechtung, decken sie auf und berichten darüber. Das sind humanitäre Einsätze. Friedensarbeit in solcher Situation ist äußerst schwierig, denn die Priorität des Alltags heißt, irgendwie zu überleben. Friedensarbeit bedeutet heute, die brutale Politik der einen Seite genau so zu verurteilen wie die Gewalttaten der andern. Doch macht es einen Unterschied, ob man in einem demokratischen Staat lebt oder ob man unter Besatzung und dazu noch in einer kaputten Gesellschaft lebt, deren staatliche Strukturen zerstört sind und der es an jeglichem Schutz mangelt.

Als vor drei Jahren Gila und ich Leiterinnen der israelischen und der palästinensischen Frauenzentren des Jerusalem Link waren, basierte unsere Zusammenarbeit auf politischen Grundprinzipien, die beide Seiten sich gemeinsam erarbeitet hatten und die für beide verbindlich waren. Wir einigten uns darauf, dass die Besatzung beendet werden muss und die Siedlungen geräumt werden müssen, da sie gegen das Völkerrecht verstoßen; dass zwei Staaten aufgrund der UNO-Resolutionen und der internationalen Menschenrechtskonventionen entstehen sollen. Als offizielle Vertreterinnen der Zentren mussten wir auf die jeweilige politische Atmosphäre Rücksicht nehmen, und es gab kaum Raum für persönlichen Austausch. Um nicht in den Verdacht einer "Normalisierung in einer anormalen Situation" zu kommen, trafen wir uns nur offiziell und im Namen der Zentren. Niemals besuchten wir uns privat oder trafen uns zu einem gemeinsamen Essen. Wir trafen uns ausschließlich zu Arbeitsbesprechungen. Wir schrieben uns meist nur MEMOs vom einen zum anderen Zentrum, oft ohne persönliche Unterschrift. So sollte die politische Zusammenarbeit in den Vordergrund gerückt und das Persönliche als "inakzeptabel" respektiert werden.

Die Gespräche waren oft schwierig, denn beide Seiten sind sehr sensibel und leicht verletzlich. Es genügte manchmal ein Wort, welches das Gespräch zum Platzen brachte und die nach vielen Stunden erreichten Verständigungsansätze in wenigen Minuten zunichte machte. Es dauerte dann jeweils Wochen, bis die Gespräche wieder aufgenommen werden konnten. Um dieser verlorenen Zeit entgegenzuwirken, begannen wir uns zu schreiben. In meinem Buch: "Verwurzelt im Land der Olivenbäume" berichte ich darüber:
Schriftlich in einen Dialog zu treten machte vieles leichter: Probleme ließen sich breit darlegen, Gefühle konnten bedacht und vorsichtig formuliert und Gedanken vollständig übermittelt werden, da weder Mimik, Körpersprache noch provozierende Worte und direkte Reaktionen des Gegenübers den Gedankenfluss störten. So blieb der Prozess des Dialoges erhalten. Ich schrieb an Gila. Sie las meinen Bericht, der sie vielleicht ärgerte, erstaunte oder in Wut versetzte, aber das geschah in meiner Abwesenheit. Zugleich verstand sie, je mehr sie las, meine Gedanken besser, hatte bestimmt ab und zu ein Aha-Erlebnis, und ihr Wissen um meine Sorgen und meine Lebenssituation erweiterte sich. Ein Prozess der Einfühlung in die Situation der Anderen, ein gewisser Respekt, vielleicht auch Bewunderung wurden möglich. Danach schrieb sie mir ihre Gedanken und Ansichten, und ich machte denselben Prozess durch.
Beim Schreiben fallen einem eher nette Worte ein und es ist leichter, Komplimente zu machen. In der Öffentlichkeit stehen wir uns vorsichtig gegenüber; wir vermeiden zu kritisieren, ein Gegenargument zu bringen oder auf einer politischen Stellungnahme zu bestehen. Das Schreiben dagegen ebnet den Weg für eine Annäherung. Das Schreiben wirkt wie eine Therapie.

Erst als wir uns im Ausland zu Seminaren und Konferenzen trafen, tauschten wir uns auch persönlich aus und lernten uns kennen, erfuhren mehr über unsere Familien, unsere Sorgen und Hoffnungen. Da erkannten wir, welche Bereicherung dies für uns bedeutet. Als wir nicht mehr Leiterinnen des Zentrums waren, fühlten wir uns frei, losgelöst von den Zwängen der totalen Loyalität gegenüber der Politik. Ja, wir fühlten unsere Stärke und konnten uns menschlich stärker zuwenden. Es entfaltete sich ein wunderbarer schriftlicher Dialog, der zwar hoch politisch ist, jedoch menschliche Züge aufweist. Dieser Dialog dauert an - und ich bin glücklich über diese Erfahrung.

Die deutsche Sprache und ich

Mit der deutschen Sprache lebe ich; sie begleitet mich im Denken und Kommunizieren wie auch im Handeln und Wirken. Ich spreche, schreibe und singe sie - zum Erstaunen meiner Leute. Sie wundern sich, und sie finden das Fremde, das Andere lustig, sie lachen.
Ich meisterte die deutsche Sprache, so lernte ich sie lieben. Ich fühle die Nähe zu allen, die sie sprechen, ich verstehe ihre Gefühle, ihre Anliegen und ihre Kultur. Sie lehrte mich, das Andere und Fremde zu respektieren. Sie machte mich vertraut mit der Kunst der Verständigung und des Verhaltens, mit der Art und Weise des Ansprechens, Argumentierens und Präsentierens. Die Sprache ermöglicht gegenseitigen Respekt und die Wahrnehmung - sie bietet die Grundlage für friedliche Koexistenz, für das Sich-wohl-Fühlen und für den Erfolg.

Seit mehr als zwanzig Jahren trete ich in Deutschland auf, schreibe und vermittle Informationen über die Situation und den Konflikt in Palästina. Die Last der Shoa, die Angst vor aufkommendem Antisemitismus, aber auch die Angst vor unberechtigten Vorwürfen des Antisemitismus zerreißen die Menschen und machen sie unfähig, normal und human zu handeln. Sie reden nicht Klartext, schweigen lieber. Manche bringen ihre Wut über die israelische Politik nur hinter vorgehaltener Hand zum Ausdruck. Manche glauben, sie dürften sich als Deutsche nicht kritisch zu Israel äußern. Ein Verhalten, das erst recht den Antisemitismus fördert. Wichtig ist, dass man unterscheidet zwischen den verantwortlichen Politikern und ihrer unverantwortlichen Politik und den Menschen, die auf beiden Seiten zu Opfern dieser Politik werden. Die Lehre aus der Shoa sollte die sein, nie wieder Rassismus und Ausgrenzung zuzulassen - auch nicht im Nahen Osten. Ich wünsche mir, dass dies ebenso für uns Palästinenser gilt.

Deutschland hat aus historischen Gründen eine besondere Beziehung zu Israel und nimmt daher die Sorgen und Probleme der Menschen in Israel und in Palästina nicht in gleichem Maße wahr. Damit ist aber keiner Seite geholfen.
Deutschland muss innerhalb der Europäischen Union Verantwortung für die Einhaltung der Menschen- und Völkerrechte beider Völker mit übernehmen. Wer diese Werte für sich selbst schätzt, weiß auch, wie sie zu verwirklichen sind.

Ich danke dem P.E.N.-Zentrum Deutschland, ich danke Uri Avnery - auch als Stellvertreter für alle Friedensaktivisten - für seine Worte, seine Schriften, seine Gedanken und seinen Einsatz. Ich danke Gila als Mitstreiterin und Freundin für die Erfahrung, die wir gemeinsam erleben.

Sumaya Farhat-Naser, Birzeit Universität, über die Mauer und die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten (2003)


"Wir müssen unsere Menschlichkeit wahren und unsere Vernunft wieder finden"

Sumaya Farhat-Naser, Birzeit Universität, über die Mauer und die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten

Liebe Freunde,

es gäbe so viel zu berichten, täglich könnte ich schreiben. Es schmerzt, wenn man sich ständig mit all der Schwere befasst. Heute habe ich mich entschlossen das Thema "Mauer" näher zu bringen. Das nächste Mal, schreibe ich über die interne palästinensische Situation, danach wieder über meine Arbeit mit den Jugendlichen, die sehr gut weiter geht und Quelle meiner Kraft und Hoffnung ist.

Nur Vögel könne sie leicht überwinden, die Wand, mit der sich Israel auch selbst einmauert. (dpa)
Die MAUER zwischen unseren beiden Völkern, mit Gewalt errichtet, unterstützt die Ideologie der Landnahme und der Ausgrenzung der Palästinenser. UN-Resolutionen, Internationale Menschen- und Völkerrechtskonventionen sowie unterschriebene Verträge werden missachtet und umgangen. Nicht Ethik und Gerechtigkeit, sondern einzig Macht bestimmt die Politik von Heute. Die Bezeichnungen " Schutz-" oder "Sicherheits-Zaun", "Trenn-Wand", "Barriere", oder "Apartheid-Mauer" bringen Verwirrung, verschleiern die Realität und zeigen deutlich den Widerspruch zwischen den nationalen Interessen beider Völker. Wenn Mauern Sicherheit garantieren, warum werden sie dann nicht auch als Sicherheitsstrategie in anderen Ländern errichtet? Die Antwort ist einfach: Hier herrscht eine Besatzung, die Land und Boden will, und die Palästinenser kontinuierlich "aushungern" will.

Die bereits am 25.August 1978 veröffentlichte Landkarte in der Zeitung Al Hamishmar zeigte die Wunschvorstellung von Sharon im Bezug auf die besetzten Gebiete. Die Teilgebiete, die den Palästinensern damals übrig bleiben sollten, ähneln sehr stark den Gebieten nach Fertigstellung der Mauer. Geht ein Traum(a) von vor 25 Jahre nun in Erfüllung?

In meinen Ohren klingt ein Satz von einem israelischen Politiker: "Im Krieg macht man Dinge, die in Normalzeiten nicht zu machen sind." Die Situation des Chaos und die Spirale von Gewalt und Gegengewalt ist ideal, um auch auf anderen Gebieten - von der internationalen Öffentlichkeit fast unbemerkt - Tatsachen zu schaffen.

Die Grenze Israels von 1967 (die sog. Grüne Linie) beträgt 360 km. Die geplante Mauer wird 1.000 km überschreiten, weil sie sich tief in die besetzten Gebiete schlängelt. Ein erster Teilabschnitt von 145 km ist jetzt fertig gestellt. Es folgt eine kurze Beschreibung dieser ersten Phase. Als Grundlage dient dabei der Bericht von B'Tselem, einer israelischen Menschenrechtsorganisation, mit dem Titel "Behind The Barrier" von April 2003.

Die Trenn-Mauer, auch Barriere genannt, besteht teils aus Beton teils aus einem Stacheldrahtzaun. Bestandteile der Mauer sind: Elektronische Zäune mit Warnsignale sowie Wachtürme mit Scharfschützen. Auf der östlichen Seite der Barriere erstreckt sich eine so genannte "service road" umgrenzt von Stacheldrahtzaun. Östlich davon sind Gräben, einige Meter tief und breit. Auf der westlichen Seite der Barriere sind: ein Kontrollstreifen und eine Panzerspur. Dahinter erstreckt sich ein zweiter Stacheldrahtzaun.

Die Mauer reicht sechs bis sieben km tief in die Westbank, um Hinterland für Siedlungen zu sichern. Sie schafft Enklaven im Saumgebiet zwischen den beiden parallel verlaufenden Abgrenzungen. Die Mauer nimmt den Palästinensern rund 161.700 Dunum, was 2,9 Prozent der Westbank ausmacht. Betroffen sind 210.000 Einwohner in 67 Dörfern und Städten.

Viele Gemeinden und Menschen werden durch die Mauer nun aber auch willkürlich von ihren Ländereien getrennt: Ihre Häuser liegen westlich, ihre Länderein östlich der Mauer. Betroffen sind 72.200 Einwohner in 36 Dörfern

  • 32 Brunnen (= 18 % der westlichen Wasserreserven) sind im Saum eingeschlossen und gehen den Palästinensern verloren.
  • Eine Verbindungsstrasse, die den Israelis freie Fahrt die von Nord nach Süd mitten durch die Westbank ermöglichen soll, vereinnahmt 17 % der besetzten Gebiete, weil eine Zone von der Größe dreier Fussballfelder auf beiden Seiten entlang der Strasse, als Sicherheitszone genommen dient.

Fünf Haupttore und 26 "Agrar-Tore", an denen jeweils Passierscheine verlangt werden, sind errichtet worden. Es ist sehr schwer solche Passierscheine zu bekommen, die Beantragung bzw. Bewilligung dauert Tage, mitunter Wochen.

Die Schäden für die Wirtschaft, Bildung, das soziale Leben durch diese, den Menschen auferlegte Bewegungseinschränkung, der Verlust von Land und Eigentum sind jetzt schon unermesslich hoch und bedrohen in einem noch stärkeren Maße als bisher die Existenz der Palästinenser. Wie wird es erst nach Fertigstellung der Mauer sein? Für den Beobachter liegt die Vermutung nahe, dass sich mit all dem die Absicht verbindet, den Menschen das Leben so schwer zu machen, dass sie es nicht mehr ertragen können und sich entschließen das Land zu verlassen. Ist damit die Sicherheit wieder hergestellt?

Die jetzige Politik verfolgt ehrgeizig den Mauerbau, ungeachtet der Schäden und des Leids, welche der israelischen Gesellschaft und den Menschen in Israel und Palästina zugefügt wird.

Die Hudna- Waffenstillstand

Endlich war es möglich, dass ein Hudna, Waffenstillstand, seitens der Palästinenser, erreicht wurde. Hoffnungsvolle Atmosphäre und Erleichterung wurden spürbar, verknüpft mit beginnender Verbesserung der Alltagssituation. Dem israelischen Militär passte die Hudna nicht, denn das würde bedeuten, die Militäraktionen müssen gestoppt werden. Die Taktik von Ben Gurion passte genau: "Provozieren um zu reagieren, wir sagen Ja, wenn sie Nein sagen, und wir sagen Nein, wenn sie Ja sagen". Die Israelische Regierung verkündete, dass Hudna eine palästinensische Angelegenheit sei, und Israel die Politik der Ausschaltung politischer Aktivisten weiter führen werde. Die Hudna wurde vom Militär - wie Uri Avnery, ein israelischer Schriftsteller, schrieb - wie folgt kommentiert:" Jeder Tag Hudna ist ein Desaster! Die Reduktion der Gewalt auf fast Null ist ein großer Unglück: Unter dem Deckmantel der Hudna können sich die Terrororganisationen erholen und neu formieren. Jeder verhinderte Anschlag heute wird uns morgen umso härter treffen."

Innerhalb der ersten sechs Wochen Hudna, tötete israelisches Militär 21 Palästinenser, und verletzte mehr als 160 Menschen bei der sog. "gezielten Tötung" von Aktivisten, mit Raketen und Bomben auf offener Strasse, sodass auch viele Zivilisten, darunter Kinder getötet oder verletzt wurden. Hauszerstörungen, Landnahme und Mauerbau gingen weiter. Damit war die Hudna zum Scheitern verurteilt. Der Kreis der Gewalt und Gegengewalt war eingeleitet: Am 8. August 2003 töteten israelische Soldaten zwei Hamas Kämpfer in Nablus. Die Vergeltung fand am 12. September, sechs Wochen nach Beginn der Waffenruhe seitens der Palästinenser statt: Hamas Attentäter töteten einen Israeli in Rosh-Ha'ayn und einen Siedler in Ariel Siedlung. Dies war nun der Anfang neu ausbrechender und eskalierender Gewalt. Jeden Tag werden Menschen getötet, andere verletzt, gefangen genommen und gefoltert. Das Leiden wird schrecklicher und blockiert den Weg zur Versöhnung. Solange Besatzung, Unterdrückung und Ungerechtigkeit herrschen, so lange wird es Widerstand geben. Tausende sind bereit sich zu wehren - und das mit allen Mitteln.

Wie viele müssen noch getötet werden, und wie erreicht man, dass keine neue Generationen von Kämpfern folgen werden? Die Antwort ist: Ende der Besatzung und eine gerechte Lösung, entsprechend der internationalen Legitimität, die einen wahren Frieden für beide Seiten bringt. Beide Gesellschaften leiden schwer und erkranken zunehmend am Verlust ihrer Menschlichkeit und Moral. Wir brauchen eine internationale Intervention, die beiden Seiten zur Vernunft verhilft. Anschläge auf Zivilisten und jegliches Töten sind Verbrechen, das niemals akzeptiert werden dürfen. Dieser Kreislauf muss sofort enden. Jede Verletzung, Tötung, jedes Unrecht vertieft die Gräben der Feindseligkeit und erschwert die Heilung und Genesung auf beiden Seiten. Wir müssen Rechenschaft ablegen uns selbst gegenüber, müssen unser Versagen zugeben und Verantwortung wahrnehmen. Wir müssen unsere Menschlichkeit wahren und unsere Vernunft wieder finden. September, 2003

Ihre/eure Sumaya Farhat-Naser,
Birzeit Palästina
September 2003

Dafna Hirsch (Universität Tel Aviv) über die Chancen auf einen gerechten Frieden im Nahen Osten (2001)

"Gewaltsame Konflikte entfalten ihre eigene Dynamik"

Dafna Hirsch (Universität Tel Aviv) über die Chancen auf einen gerechten Frieden im Nahen Osten

Es war ein bewegendes Zusammentreffen zwischen der Israelin Dafna Hirsch (Universität Tel Aviv) und der Palästinenserin Sumaya Farhat-Naser (Universität Ramallah) auf der Podiumsveranstaltung des Friedenspolitischen Ratschlags am 1. Dezember 2001 in Kassel. Im Anschluß an Dafna Hirsch sprach Prof. Sumaya Farhat-Naser

Für die Menschen in Israel stellt Oktober 2000 den großen Bruch dar - sowohl im Hinblick auf die Beziehungen mit den in den besetzten Gebieten lebenden Palästinensern als auch innerhalb Israels, hinsichtlich der Beziehungen zwischen jüdischen und palästinensischen Staatsbürgern. Der zweite palästinensische Aufstand brachte das Scheitern des sogenannten Friedensprozesses zum Ausdruck.

Innerhalb Israels demonstrierten im Oktober 2000 Tausende palästinensische Bürger Israels ihre Solidarität mit ihren Brüdern und Schwestern, die in der Westbank und im Gaza-Streifen unter israelischer Besatzung leben. Als israelische Polizisten und Grenzschutzsoldaten dreizehn Demonstranten - die meisten von ihnen Jugendliche - erschossen, verschärfte sich die Krise zwischen Juden und Arabern innerhalb der israelischen Gesellschaft. Viele in Israel fühlten sich von den Palästinensern "enttäuscht" und sind gegenüber dem Leiden des palästinensischen Volks gleichgültig geworden. Für viele im Ausland bedeuteten diese Ereignisse das Ende der israelischen Friedensbewegung. In der Tat: Die halboffizielle Friedensbewegung, die ihre Rolle lediglich darin sah, den staatlichen Friedensprozeß zu unterstützen, brach zusammen. Viele Intellektuelle haben die Tugend der Staatstreue wiederentdeckt. Doch zugleich entstanden neue Gruppierungen, die sich auch in diesen dunklen Tagen gegen Staatsterror und für die Menschenrechte einsetzen. Eine neue Generation von Aktivisten formiert sich allmählich und probiert neue Aktionsformen aus. Ich bin hier um Ihnen von unseren Erfahrungen zu berichten.

Diejenigen, die die wirkliche Lage der Palästinensern im Gaza-Streifen und in der West-Bank verfolgten, waren von dem Aufstand kaum überrascht. Während man im Ausland seit 1993 gern glaubte, daß der Friedensprozeß irgendwie schon weitergeht, ist es für viele Friedensaktivisten in Israel klar geworden, daß der Prozeß nirgendwohin führt. Nicht um Frieden ging es, sondern darum, die besetzte Gebiete zu befrieden, nicht um peace, sondern um pacification. Es ist deutlich geworden, daß zumindest für die israelische Elite das Osloabkommen letztendlich dazu diente, die Besatzung nicht abzuschaffen, sondern zu modernisieren.

Nach dem Oslo-Abkommen wurde die West-Bank drei geteilt: Die A-Regionen unter palästinensischer Herrschaft, die B-Regionen - von Palästinensern zivil regiert aber unter Israels militärischer Obhut, und die C-Regionen unter direkter israelischer Herrschaft.

Eine neue Landkarte entstand: Das Territorium ist in viele Gebiete mit jeweils unterschiedlichem Rechtsstatus aufgelöst worden. Die israelische Soldaten haben zwar die Städte verlassen (doch sie können, wie wir in den letzten Wochen gesehen haben, zurückkehren). Sie standen aber dafür nun an unzähligen Kontrollpunkten an jeder Straße. In vielen Hinsichten haben sich die Lebens-bedingungen der palästinensischen Bevölkerung verschlechtert. So wurde beispielsweise die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt; der Weg von einem Dorf zum nächsten bedeutete nun oft ein anderes Rechtsgebiet zu betreten. Kleine "Kantone" unter israelischer Oberherrschaft sind entstanden. Eine Fahrt zwischen benachbarten Dörfern, die sonst weniger als eine Stunde dauern sollte, konnte nun einen ganzen Tag dauern: Straßensperren und Kontrollpunkte markierten den Alltag. Hunderttausende Palästinenser verloren zugleich ihre Arbeitsplätze in Israel. Sie wurden gezielt durch Immigranten und Gastarbeiter - etwa aus dem Fernen Osten - ersetzt. Die israelische Regierung konnte aber nun ihre Verantwortung für die sich verschärfende ökonomische Krise, für Arbeitslosigkeit und Armut zurückweisen: Israel war zwar nicht mehr offiziell die Besatzungsmacht, doch die Besatzung war nicht zuende.

Denn gleichzeitig wurden die Siedlungen in den besetzten Gebieten massiv ausgebaut. Die Zahl der Siedler hat sich seit dem Oslo-Abkommen um mehr als 53% vergrößert. Es gibt zur Zeit 145 offiziell anerkannte Siedlungen, aber mehr als 200 tatsächliche Siedlungen. Zwischen 1996 und 1999 haben die Siedler 24 neue Stützpunkte gegründet. Davon mußten sie weniger als zehn aufgeben. Für die Siedler wurden außerdem besondere, sichere Umgehungsstraßen gebaut. Millionen wurden für diese Straßen ausgegeben. Hunderte palästinensischer Bauern haben für die neuen Straßen ihr Land verloren. Seit einem Jahr sind viele dieser Straßen für die palästinensischen Bewohner unzugänglich geworden: Sie gehören den Siedlern. Staatliche Behörden und die Armee haben die Siedler unterstützt. Ihre Vertreter gehören dem rechtsextremistischen Spektrum der politischen Landkarte an. Doch in den Siedlungen findet man auch Tausende nicht politisch-motivierter Siedler, manche von ihnen Immigranten oder weniger bemittelte Israelis, die durch hohe staatliche Subventionen in die besetzten Gebiete gelockt worden waren. Seit dem Aufstand suchen viele der letzteren einen Ausweg, doch die Regierung, die an dem Weiterbestehen der Siedlungen interessiert ist, bietet ihnen keine Lösung.

Die Siedlungspolitik, die systematische Beschränkung der Freiheit und die ökonomische Krise haben den Begriff 'Frieden' jeden Inhalts beraubt. Wenn Frieden die Fortsetzung der Besatzung mit anderen Mitteln bedeutet, haben viele Palästinenser ihre Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft verloren. Auf der anderen Seite entfernten der "Friedensprozeß" und der partielle Rückzug Israels aus einigen Gebieten die Besatzung aus dem öffentlichen Bewußtsein in Israel. Die neuen Regelungen haben die Palästinenser unsichtbar gemacht. Von nun an konnten viele Israelis sich ihrer Verantwortung für ihr Leiden entziehen. Die Friedensbewegung erlahmte und zog sich hinter die staatlichen Unterhändler zurück. Man wollte nicht sehen, daß die Verhandlungen mit den Palästinensern von einem deutlichen Machtgefälle gezeichnet sind; daß sie sich immer wieder den Diktaten der überlegenen Besatzungsmacht beugen müssen.

Vor diesem Hintergrund ist der deutliche Rechtsruck innerhalb der jüdischen Bevölkerung Israels seit dem Ausbruch des Aufstands zu verstehen. Der Begriff Frieden wurde so gründlich mißbraucht, Friedenshoffnungen wurden mit der Fortsetzung der Besatzung übersetzt, so daß der Aufstand bisher wenig Verständnis fand . Es stimmt dennoch, daß es viele in Israel akzeptieren, daß die Gründung eines unabhängigen Palästinenserstaats nur eine Zeitfrage ist. In Umfragen sind grundsätzlich zwischen einem Viertel und einem Drittel der Befragten für die Rückgabe der besetzten Gebiete. Viele sehen auch ein, daß die Kolonisten keine Zukunft haben. Dennoch sehen sie keine politische Perspektive mehr und lassen sich politisch durch die Sicherheits- und Todesexperten der jetzigen Regierung führen.

Doch es geht um mehr: Der Rückzug aus den besetzten Gebieten wurde oft in der etablierten Friedensbewegung damit begründet, daß Israel ihren jüdischen Charakter bewahren muß. Man muß sich von den Palästinenser trennen, damit es ein Judenstaat bleibt. Einen Frieden zwischen den Völkern konnte man auf diese Weise nicht aufbauen. Vielmehr hat man damit rassistische, anti-arabische Argumente aufgegriffen, die gegen die arabischen Bürger Israels gerichtet sind. Wenn Frieden nicht Zusammenleben bedeutet, sondern Trennung, dann werden die palästinensischen Flüchtlinge zur Bedrohung, das historische Unrecht, das ihnen angetan worden ist, wird ignoriert. Die Losung "Trennen wir uns von den Palästinenser in Frieden" war daher von vornherein zutiefst ambivalent. Denn ohnehin leben Juden und Araber in Israel getrennt: Auf diese Trennung der Menschen, mit all ihren Nebeneffekten, gründet der offizielle und der alltägliche Rassismus. Doch man überwindet die Ängste nicht, man gewinnt nicht die Herzen der Menschen für den Frieden, wenn man ihnen für die Zukunft nur ein Leben in einer ummauerten Burg mitten im Nahen Osten verspricht.

Gewaltsame Konflikte entfalten ihre eigene Dynamik. Sie machen die Menschen gewaltsamer, nationalistischer und rassistischer als zuvor. Für die Mehrheit der Israelis ist die Lebenswirklichkeit im Gaza-Streifen und der West-Bank unbekannt. Sie glauben, daß der jetzige kriegsähnliche Zustand eine Folge dFriedensprozesses und nicht seiner Ambivalenzenund Unzulänglichkeiten ist. Nachdem man nach dem ersten palästinensischen Aufstand allmählich zur Einsicht gekommen war, daß es keine militärische Lösung für den Konflikt gibt, befürworten nun viele gewaltsame Maßnahmen. Weil Frieden nicht mehr in Sicht ist, spricht man nur noch von "Sicherheit" und läßt Sharon und seinen Leuten freie Hand. Viele glauben der offiziellen Version und meinen, Israel hätte den Palästinensern in Camp David 95% der Territorien angeboten. Erst allmählich wird klar, daß Barak seine Bedingungen diktieren wollte und als sie nicht akzeptiert wurden, den Verhandlungen die Grundlage entzogen hat. Noch wenige erkennen, wie viel die Palästinenser schon nachgegeben haben. Ihre Bereitschaft, ihren unabhängigen Staat auf 22% des Gebiets von Palästina zu gründen, wird nicht als großzügig und zukunftsweisend angesehen. Die Medien, die seit den 80er Jahren bewiesen haben, daß sie frei und kritisch berichten können, vertreten nun von sich aus den staatlichen Standpunkt. Die Politik der sogenannten "Liquidierung" palästinensischer Führer wird kaum kritisiert und in der Presse nie als Staatsterror bezeichnet.

Innerhalb Israels erleben wir eine Verschärfung des staatlichen und des alltäglichen Rassismus gegen arabische Bürger, die etwa 20% der Bevölkerung Israels ausmachen. Viele palästinensische Mitbürger spüren deutlicher als zuvor, daß sie als Fremde im eigenen Land behandelt werden. Es ist schwieriger geworden für sie, Einkaufszentren zu betreten. Ihre Ausgrenzung verstärkt wiederum nationalistische Tendenzen in ihren eigenen Reihen. Auch Linken, die sich mit der Sache der Palästinenser solidarisieren, begegnen oft Hass und Gewalt. Als Aktivisten von Ta'ayush, der Gruppe der ich selbst angehöre, versucht haben, in den Strassen von Tel Aviv Geld für die Menschen in den besetzten Gebieten zu sammeln, wurden sie öffentlich angegriffen. Im Café nebenan applaudierten die Zuschauer.

Die außerparlamentarische Friedensbewegung besteht zur Zeit aus einer Reihe von relativ kleinen Organisationen. Die bekannteste Organisation, Peace Now (Frieden jetzt), die 1978 gegründet wurde, ist schwach geworden und kann wenige Menschen mobilisieren. Die anderen Gruppen kooperieren miteinander, haben jedoch verschiedene Arbeitsgebiete entwickelt und artikulieren oft unterschiedliche Sensibilitäten.

Einige Organisationen konzentrieren sich auf relativ klar eingrenzbare Arbeitsbereiche und leisten professionelle Arbeit. Eine besonders wichtige Rolle spielt etwa Physicians for Human Rights (Ärzte für Menschenrechte). Sie behandeln Menschen in den besetzten Gebieten und kooperieren eng mit palästinensischen Kollegen. Sie haben gegen Folter und Hunger effektiv protestiert und haben ihre Tätigkeit ausgeweitet, um sich für Menschenrechte allgemein einzusetzen: Sie setzen sich für Arbeiter aus Afrika oder Südamerika in Israel sowie für Kinder unter der Besatzung ein. Die Ärzte für Menschenrechte sind mir und meinen Freunden deshalb besonders wichtig, weil sie auch jetzt noch wöchentlich die flüssigen Grenzlinien überschreiten und kleine Gruppen von Ärzten und Schwestern in die eingekreisten palästinensischen Siedlungen schicken. Sie stellen ein gelungenes Beispiel der Aktivität im Bereich der Menschenrechte, die eine wichtige politische Botschaft verbreiten, dar. Solche und ähnliche Organisationen bestehen oft aus einer relativ kleinen Gruppe von Mitarbeitern - man denkt an B'Tselem und Alternative Information Center, die vor allem Informationen über Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten sammeln, oder den Ausschuß gegen Häuserzerstörung. Ihre Arbeit ist oft an die Medien gerichtet und setzt Professionalität und Sachkenntnis voraus. Ihre Wirkung auf die öffentliche Meinung ist deshalb indirekt.

Eine Reihe anderer Gruppen besteht aus Friedensgruppen, die während oder sogar vor dem ersten Aufstand entstanden sind: Ich nenne etwa Yesh Gvul (Es gibt eine Grenze), eine Gruppe, die Kriegsdienstverweigerer unterstzützt; nämlich sowohl diejenigen, die sich weigern, in den von Israel besetzten Gebieten Militärdienst zu leisten, als auch diejenigen unter den jüngeren Leuten, die Militärdienst in jeder Form verweigern. Den älteren Aktivisten kamen in diesem Jahr überraschend neue Gruppen von 18jährigen hinzu. Sie bilden zwar eine Minderheit unter den Jugendlichen, doch die Schwierigkeiten, Reservisten für den schmutzigen Krieg in der West-Bank zu finden, sind nun in Israel allgemein bekannt. Ähnlich bekannt ist Gush Shalom (Der Friedensblock), eine relativ kleine aber sehr aktive Gruppe um Uri Avneri, die vor allem Protestaktionen organisiert.

Doch daneben entstanden im vergangenen Jahr neue Gruppierungen. Besonders wichtig finde ich die Formierung der Frauensfriedenskoalition (Women's Coalition for Peace) - ein Bündnis mehrerer Frauenorganisationen, die eine Alternative zur herrschenden Politik zu artikulieren versucht. Manche der beteiligten Gruppen haben sich aus feministischen Zusammenhängen entwickelt. Andere kamen aus der Friedensbewegung, besonders aus der Erfahrung der erfolgreichen Bewegung von Frauen und Eltern für den Rückzug Israels aus dem Südlibanon. Eng verwandt mit dieser Bewegung ist die relativ junge Organisation "Neues Profil". Hier geht es um ein langfristiges Projekt der Demilitarisierung der mobilisierten israelischen Gesellschaft. Die Gründerinnen versuchen, eine öffentliche Diskussion über Militärdienst und seine gesellschaftliche Folgen in Gang zu bringen, Antimilitarismus mit Feminismus zu verbinden und alternative, zivilere und zivilisiertere Lebensformen zu entwerfen. Eine neue Gruppe, die versucht, auf den inneren Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Formen der Unterdrückung in der israelischen Gesellschaft aufmerksam zu machen, ist "Schmutzige/Schwarze Wäsche", eine Gruppierung von Homolesben gegen die Besatzung. Rabbiner für Menschenrechte ist ebenfalls eine kleine Gruppe, sie leistet dennoch eine wichtige Arbeit, besonders durch ihre Beteiligung an lokalen Projekten in den besetzten Gebieten.

Die öffentliche Wirkung dieser Gruppen ist begrenzt. Die meisten ihrer Mitglieder sind jüdische Staatsbürger. Die Militarisierung des Konflikts und die Eskalation der Gewalt haben die Zusammenarbeit mit palästinensischen Gruppen in den besetzten Gebieten stark eingeschränkt. Es ist nun israelischen Bürgern verboten, die A-Gebiete, die unter der Herrschaft der Palästinensischen Autonomie-Behörden stehen, zu betreten. Aber auch die Kooperation mit palästinensischen Bürgern Israels ist stark begrenzt.

Die Aktivisten der unterschiedlichen Gruppen sind eher dem Mittelstand zuzurechnen. Bildung bleibt ein entscheidender Faktor. Man kann sagen, daß insgesamt in Israel das Bildungsniveau stark mit Friedensbereitschaft korreliert. Die starke staatliche Sozialisation und der Militärdienst erklären, warum Menschen oft erst in ihren Zwanzigern in der Friedensbewegung aktiv werden - und dann relativ lange aktiv bleiben. Dies hängt mit dem relativ hohen Preis zusammen, den viele für ihr Engagement bezahlen,. Wenn der Konflikt sich verschärft, kann man besonders unter den jüdischen Aktivisten eine gewissen Marginalisierung beobachten. Es ist schwierig, offene Kommunikationswege mit der Mehrheit aufrechtzuerhalten. Nicht weniger schwierig ist es, ökonomisch schwache Gruppen zu erreichen. Andererseits ist die Rolle von Frauen in der Bewegung wichtiger als je zuvor.

Über die nötigen Schritte zur Lösung des Konflikts herrscht eigentlich ein breiter Konsens unter all diesen Gruppen. Israel muß die besetzten Gebiete verlassen, die Siedlungen abbauen, die Teilung Jerusalems akzeptieren, damit die Palästinenser ihren unabhängigen Staat mit Jerusalem als ihre Hauptstadt gründen können. Israels Verantwortung für das Schicksal der aus ihrem Land vertriebenen palästinensischen Flüchtlinge wird allgemein anerkannt, doch die Frage nach der gerechten Lösung bleibt verschwommen. Hier hat die Diskussion erst begonnen. Auch diejenigen, die sich künftig ein Leben in einem bi-nationalen oder post-nationalen Staat vorstellen können oder sogar vorziehen, sehen die Gründung eines unabhängigen Palästinenserstaaneben Israel als unverzichtbar. Erst der Frieden wirddie Grundlagen für solche Visionen schaffen. Bis dahin gilt es, uns sowohl von dem Fluch der militärischen Herrschaft über die Palästinenser zu befreien, als auch Israel selbst zu demokratisieren. Zum Schluß möchte ich einiges über die Gruppe, in der ich tätig bin, berichten. Wir nennen uns Taayush, ein arabisches Wort, das soviel wie Zusammenleben heißt. Sie zeichnet sich dadurch aus, daß sie eine arabisch-jüdische Gruppe ist. Uns geht es darum, durch konkrete politische Arbeit, die Grundlagen für eine gemeinsame Zukunft zu bilden, für ein gemeinsames Leben als Gleiche. Die Gruppe entstand vor einem Jahr, nach dem Ausbruch der Intifada und dem Erschießen von dreizehn palästinensischen Bürger durch die Polizei. Viele von uns spürten damals ihre Ohnmacht. Keine politische Gruppe war damals in der Lage, am Ort präsent zu sein, durch Solidarität und gewaltlosen Widerstand die Sicherheitskräfte daran zu hindern, auf Bürger zu schießen. Dieses Fehlen war nicht zufällig. Israel ist eine getrennte Gesellschaft. Ihre palästinensischen Bürger werden diskriminiert, aber Apartheid-Gesetze sind nicht nötig, da die ganze Gesellschaft durch halbsichtbare Schranken getrennt ist: Araber und Juden leben kaum zusammen. Die Isolierung Israels im Nahen Osten, die Einkesselung der Palästinenser in den besetzten Gebieten reproduziert sich auch innerhalb Israels. Taayush versucht, diese Mauern der Angst, der Diskriminierung und der Unterdrückung zu untergraben, zunächst einfach dadurch, daß wir eine echte Zusammenarbeit auf lokaler Ebene aufbauen. Das heißt, sowohl unsere Protestaktionen in den besetzten Gebieten als auch unsere Arbeit innerhalb Israels werden von einer gemischten Gruppe getragen, die ihren Mitgliedern die Möglichkeit bietet, nicht nur von künftigem Frieden zu reden, sondern einen Vorgeschmack einer anderen Zukunft zu bekommen.

Dies ist leichter gesagt als getan. Wir haben ferner versucht, nur wenige rein symbolische Aktionen zu initiieren, dafür aber umso mehr konkrete Projekte durch konstruktiven politischen Protest zu entwickeln. Auf diese Weise sind seit November letzten Jahres Hunderte zu uns gekommen. Ein gutes Beispiel stellen die Solidaritätskonvois zu den eingekreisten Dörfern in der West-Bank dar. Hier ging es zunächst darum, daß sich Juden und Araber innerhalb Israels, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, mit den Palästinenser zu solidarisieren, für sie zu spenden. Dann fährt ein Konvoi von 150 bis 250 Menschen, 40 bis 50 Autos und Lastwagen in die West-Bank, um Dörfer zu erreichen, die unter der aufgezwungenen Blockade leben. Zusammen mit unseren palästinensischen Partnern werden die Lebensmittel entladen. Die Teilnehmer aus Israel haben dadurch die Möglichkeit, die Perspektive zu wechseln und die Wirklichkeit aus dem Blickwinkel der unter der Besatzung lebenden Palästinenser zu sehen. Zugleich stellt diese Form praktischer Solidarität ein Zeichen für viele in Israel dar: Daß diese Aktionen unter den jetzigen Bedingungen immer noch möglich sind, daß eine Brücke von Solidarität aufrecht bleibt. Sie machen die Blockade sichtbar, indem sie sie vorübergehend durchbrechen. Sie wirken gegen Dämonisierung des Feinds und geben Menschen die Möglichkeit, sich jenseits ethnischer Zugehörigkeit zu bewegen. 7 solcher Konvois fanden bisher statt. Sie werden immer gefährlicher, finden aber eine sehr breite Resonanz.

Ein nicht wenig kompliziertes Projekt konzentrierte sich auf das Schicksal von Palästinensern, die aus ihren kleinen Siedlungen im südlichen Teil des Hebron-Bergs vertrieben wurden. Hier ging es darum, sich gegen Annexion und Vertreibung einzusetzen, durch eine Verbindung von Rechtsmitteln, Hilfe- und Protestaktionen am Ort und Medienarbeit. In September wurden 120 von den Einwohnern erneut vertrieben. Nach einer hartnäckigen Kampagne gegen ethnische Säuberung konnten sie zurückkehren, begleitet von den Aktivisten von Taayush, die mit den Einwohnern geblieben sind, um Siedler und Soldaten davon abzuhalten, die Palästinenser erneut zu vertreiben. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob wir letztendlich erfolgreich werden. Aber sie sind noch da, auf ihrem Land. Dadurch sind jedoch viele in Israel, aber leider nicht genug im Ausland, auf die politischen Implikationen dieser Vorgänge aufmerksam geworden. Denn es besteht die Gefahr, daß unter der Flut von Nachrichten uns das Wichtigste entgeht, nämlich daß Tatsachen geschaffen werden, Zündstoff für künftige Konflikte: Gebiete werden stillschweigend annektiert, Siedlungen aufgebaut und die palästinensischen Einwohner vertrieben.

Ich möchte ein drittes und letztes Beispiel, diesmal nicht für Friedensarbeit, anführen. Denn für uns ist es wichtig, nicht nur gegen die Besatzung zu protestieren, sondern zugleich die Grundlagen für ein Zusammenleben als Gleiche zwischen Juden und Palästinensern zu schaffen. Wir glauben nicht, daß konsequente Opposition darauf verzichten kann, selbst eine Alternative zu verkörpern. In Israel selbst gibt es etwa 90 arabische Gemeinden, die nicht anerkannt sind: Sie werden vom Staat ignoriert und leben ohne soziale Dienstleistungen, ohne Schulen, Strom und Wasser. Es ist eines der markantesten Beispiele für die Diskriminierung der Palästinenser, die in Israel als Bürger zweiter Klasse leben. In einem dieser Dörfer, Dar el-Hanoun (Haus der Blumen) haben wir deshalb in diesem Sommer ein Sommer Lager organisiert. Hunderte von Freiwilligen, Juden und Araber, bauten zusammen eine Straße und einen Kinderspielplatz. Dies führte zwar zu einer Auseinandersetzung mit der Polizei, weil jede Bautätigkeit in diesen Dörfern untersagt ist, dennoch wurde die Auseinandersetzung zunächst gewaltlos vermieden und das Projekt abgeschlossen. Nun prozessiert die Regierung gegen die Einwohner des Dorfes und gegen die Aktivisten wegen Verletzung der Baugesetze. Doch für viele in der Region stellt das ein Beispiel für das dar, was eine arabisch-jüdische Partnerschaft erreichen kann.

Es ist nicht leicht, in Israel heutzutage für einen gerechten Frieden einzutreten. Die Angst blendet politische Visionen aus. Die Militarisierung des Aufstands macht es nicht leichter, Menschen daran zu erinnern, daß es um Menschen geht, um ihre Grundrechte und unsere gemeinsame Zukunft. Doch für viele von uns ist klar, daß wir keinen anderen Weg haben. Wenn wir eine Zukunft haben, dann ist es nur eine gemeinsame Zukunft. Wenn nicht Gerechtigkeit, so ist zumindest volle Gleichberechtigung die Vorbedingung dafür.

Rede von Prof. Sumaya Farhat-Naser auf dem Friedensratschlag in Kassel (2001)

"Wir wollen keine Wohltätigkeit. Was wir brauchen, ist politisches Handeln"

Rede von Prof. Sumaya Farhat-Naser auf dem Friedensratschlag in Kassel


Es war ein bewegendes Zusammentreffen zwischen der Israelin Dafna Hirsch (Universität Tel Aviv) und der Palästinenserin Sumaya Farhat-Naser (Universität Ramallah) auf der Podiumsveranstaltung des Friedenspolitischen Ratschlags am 1. Dezember 2001 in Kassel. Wir dokumentieren im Folgenden den Beitrag von Prof. Sumaya Farhat-Naser. Sumaya bezog sich auf die unmittelbar vor ihr sprechende Dafna Hirsch.

Sumaya Farhat-Naser

Danke Dafna. Es ist das erste Mal, dass ich von Dafna höre und dass ich weiß, dass sie existiert. Zum ersten Mal treffen wir uns hier und ich freue mich über diese Begegnung. Eigentlich ist es bei uns in Palästina zur Zeit nicht erlaubt, dass Palästinenser und Israelis zusammen auf einem Podium sitzen. Ich hatte zugesagt, weil ich glaubte, Uri Avnery wäre hier. Als ich vor zwei Tagen erfuhr, dass nicht er, sondern dass eine Frau kommt, habe ich gesagt: "Mein Gott, ich muss unbedingt wissen, was diese Frau für Ansichten." Sonst ist es nämlich sehr schwer und auch sehr gefährlich für mich. Aber nun muss ich sagen: Ich kann mit dieser Frau und finde es gut, dass sie hier ist.

Über eines müssen wir uns aber im Klaren sein: Die Stellungnahme von Dafna, das, was sie uns hier vorgetragen hat, ist nur eine der wenigen, wenigen Stimmen, Stimmen, die nur ganz am Rand vorkommen. Mit solchen Stimmen haben wir kein Problem. Unser Problem ist vielmehr, dass die allgemeine Meinung, die allgemeine Stimmung in Israel, eine andere ist. Natürlich freuen wir uns, dass es solche Stimmen und solche Menschen gibt, wir sind stolz auf sie und können auch sehr viel von ihnen lernen. Sie geben uns auch Hoffnung. Nur: Die Realität ist eine andere.

Ich glaube, wir als Friedensbewegung haben in vielen Dingen versagt. Wir haben manche Dinge nicht beim Namen genannt und wir waren zu feig zuzugeben, dass wir auch Fehler machen. Wir haben uns über die kleine Schritte, die wir erreicht haben, immer so gefreut, dass wir sie als große Fortschritte dargestellt haben. Auf diese Weise haben wir die Menschen begeistert. Dabei sind wir blind geworden gegenüber der Wirklichkeit. Die Folge davon ist, dass wir in einer Krise wie der jetzigen die ersten sind, die zusammenbrechen, kollabieren, und zwar weil wir das alles nicht wahrhaben wollen.

Als der Aufstand vor über einem Jahr begann und als schon über 200 Palästinenser getötet und Hunderte verletzt waren und bis dahin keine einzige meiner israelischen Partnerinnen oder Partner angerufen hatte, habe ich selber zum Telefonhörer gegriffen. Ich habe gebeten, ruft doch an, sagt doch etwas, schreibt doch etwas, die Menschen warten auf euch. Ich weiß natürlich, dass sie nicht deshalb schwiegen, weil sie nicht sprechen wollten, sondern weil sie irritiert waren, weil sie psychisch "geknickt" waren, weil sie buchstäblich krank geworden waren. Sie wussten einfach nicht, was sie machen sollten. Als mich dann endlich einmal Nawa anrief - Nawa war früher Büroleiterin von Rabin - und sagte: "Sumaya, es tut mir so leid, dass es heute so ist. Aber, mein Gott, ich kann auch nicht verstehen, warum ihr den Aufstand macht. Wir haben doch Frieden!" Da habe ich zu ihr gesagt: "Genau deshalb machen wir den Aufstand, weil ihr nicht wahrhaben wollt, weil ihr euch nicht eingestehen wollt, dass das, was bisher gewesen war, gar kein Friede war sondern ein Diktat."

Friedensarbeit ist sehr, sehr schwer, viel schwerer als Krieg. Bei einem Krieg ist alles schon vorbereitet, man braucht nur einen Beschluss zu fassen und schon kann es losgehen. Aber niemand will wahrhaben dass Friedensarbeit wie eine Mosaikarbeit ist, deren Wirkung, deren Erfolg und deren Resultate vielleicht erst in 20 bis 30 Jahren sichtbar werden. Als der Oslo-"Friedensprozess" begann, hieß es: "Los, ihr Leute an der Basis, fangt an zusammenzuarbeiten und gemeinsame Projekte durchzuführen." Und was ist in Wirklichkeit geschehen? Statt Landrückgabe ist der Landraub weitergegangen, statt dass die Besatzung aufgehört hätte, sind wir heute besetzt wie nie zuvor, aufgeteilt in lauter "Bantustans": Die Westbank ist in 48 voneinander getrennte Einheiten mit 291 Checkpoints unterteilt. Mein eigener Bewegungsraum in Ramallah erstreckt sich auf gerade einmal ein bis zwei Kilometer, dann beginnt eine sogenannte Pufferstraße, auf der man sich nur zu Fuß bewegen darf. Alle Sachen müssen in der Hand oder auf dem Rücken getragen werden, selbst die Kranken müssen getragen werden. Der Transport per Esel hat wieder Hochkonjunktur. Und bei all dem kann man noch von Glück sagen, wenn die Soldaten nicht schießen. Diese Situation hat mit dazu beigetragen, dass Scharon schließlich an die Macht gekommen ist. Und deshalb sagen viele: Ist das das Resultat des Friedensprozesses? Deshalb sind viele Menschen zutiefst enttäuscht, ja, sogar so verzweifelt und ohnmächtig, dass sie nicht mehr an das Wort Frieden glauben. Sobald aber der Glaube an den Frieden nicht mehr da ist, stoppen auch jegliche Kontakte, und das ist fatal.

Zur Zeit befinden wir uns in einer solchen Situation. Ich kenne die Gruppe Ta'ayush, zu der Dafna gehört und von der sie gesprochen hat. Es ist eine palästinensische Gruppe in Israel, die mit Israelis zusammenarbeitet. Der Mehrheit sind Palästinenser - man nennt sie dort Araber, aber sie kämpfen für ihre nationale Identität. Die Aktivisten der Gruppe können in die palästinensischen Dörfer gehen, weil Palästinenser dabei sind. Sonst wäre es zur Zeit ganz und gar unmöglich, dass Israelis zu uns in ein Dorf kommen. Aber wir wollen euer Essen nicht, wir wollen keine Wohltätigkeit. Was wir brauchen, ist politisches Handeln. Und darunter verstehen wir mehr als Proteste. Natürlich war man begeistert über die Peace-now-Bewegung, die seinerzeit Hunderttausende gegen den Krieg auf die Straße gebracht hat. Doch was haben sie danach gemacht? Sie haben phantastisch demonstriert in Tel Aviv an Rabins Todestag, als sie weiße und schwarze Särge hingestellt haben, womit an die Toten auf beiden Seiten erinnert wurde. "Großartig!" Man freut sich für ein paar Momente, aber dann? Wo ist das politische Handeln danach?

Unsere Leute sagen: Wir wollen nicht nur hören, dass ihr euch mit uns solidarisiert. Ihr müsst auch eindeutig sagen: Was in Jerusalem geschieht, ist eine systematische Vertreibung der Palästinenser. Diese Vertreibung gehört zum israelischen System. Sie geschieht nach israelischem Recht. Ich nenne nur ein Beispiel. Alle Palästinenser im Raum Jerusalem sind aufgrund einer Militärverordnung zu Ausländern erklärt worden. Demnach dürfen sie nicht die israelischen Gesetze in Anspruch nehmen, israelische Gesetze, welche Gerechtigkeit, Würde und Respekt für alle Menschen gewährleisten. Aber die Gesetze für die Palästinenser legalisieren die Diskriminierung. Entsprechend diesen Gesetzen muss z.B. jeder "Ausländer", jeder Palästinenser, der im Ausland studiert, arbeitet oder lebt oder zu Besuch ist, jedes Jahr vor Ablauf eines bestimmten Termins zurückkehren, um das Recht auf sein eigenes Zuhause zu bestätigen. Wenn man das nicht machen kann, weil man z.B. in der Prüfung steht oder aus gesundheitlichen Gründen, verliert man für immer das Recht auf sein Zuhause. Mein Bruder hatte einen Autounfall und war im Krankenhaus, mein anderer Bruder hatte den Termin vergessen, er dachte sein Termin wäre im Mai, aber der Termin war schon im April, und mein dritter Bruder hatte kein Geld für ein Flugticket: Alle verloren sie ihr Recht auf das Zuhause. Besitz und Erbe gehen in solchen Fällen automatisch auf den israelischen Staat über. Deshalb sagen die Israelis: Wir haben das Land mit legalen Mitteln "erworben". Solche Sachen müsste man hervorheben und verurteilen.

Ich arbeite seit vielen Jahren mit israelischen Frauen und Männer für den Frieden zusammen. Die letzten vier Jahre habe ich ein Frauenzentrum in Ost-Jerusalem geleitet. Dessen Ziel war es, nicht nur zu protestieren, sondern gezielt politische Bildung zu vermitteln. So etwas haben wir schon 1989 begonnen, als es verboten war miteinander zu arbeiten oder auch nur miteinander zu sprechen. Israel hatte es ihren Bürgern und die PLO hatte es den Palästinensern verboten. Wer mit den anderen sprach, galt als Verräter. Wenn in den achtziger Jahren Israelis und Palästinenser im Fernsehen an einem Tisch saßen - mir ging es zum ersten Mal 1986 so -, dann hieß es immer: jeder Vertreter an einem eigenen Tisch und nicht an einem - gemeinsamen - Tisch. Und trotzdem haben wir zusammengearbeitet.

Für uns ist es ganz wichtig, damit wir miteinander arbeiten können, müssen klare Linien gezogen werden. Warum wollen wir miteinander arbeiten? Wollen wir zusammen protestieren? Wollen wir miteinander Kaffee trinken gehen? Ist unser Problem wirklich, dass wir uns von Geburt an nicht mögen? Oder sind es nicht vielmehr Grundprinzipien, politische Gründe, existenzielle Gründe, die uns zusammenführen. Genau das ist es und deshalb haben wir als Frauengruppen gemeinsame Grundprinzipien erarbeitet, die für beide Seiten gelten: Wir sind zwei Völker mit demselben Wert und mit denselben Rechten, uns beiden gehört das Land, deshalb treten wir ein für zwei Staaten, für zwei Völker. Jerusalem gehört uns beiden, es ist eine offene Stadt, gilt aber als zwei Hauptstädte für zwei Staaten. Wir lehnen jegliche Art von Gewaltanwendung zur Durchsetzung unserer Ziele ab und wir haben nicht nur das Recht sondern die Verpflichtung, uns politisch einzumischen, aktiv zu sein und so die politische Zukunft mitzugestalten - gemeinsam mit den Männern. Und wir glauben, eine Basis für den Frieden können nur die UNO-Resolutionen sein. Sie sind das Einzige, was wir an "Legitimität" in der Hand haben.

So haben wir an diesen Prinzipien gearbeitet. Und wir haben Trainingskurse gemacht in "Dialog", haben also gelernt, wie man miteinander spricht und sich zu überzeugen versucht. Die Frauen, mit denen ich in einem Kuratorium gearbeitet habe, waren - auf beiden Seiten - politische Vertreterinnen auf höchster Ebene: Abgeordnete aus dem palästinensischen Parlament aus der Knesseth. Wir haben aber auch Kurse mit Frauen "an der Basis" veranstaltet. Und nun möchte ich Ihnen erzählen, welche Probleme dabei aufgetaucht sind, damit Sie wissen, wie schwer es bei uns ist Friedensarbeit zu machen. Schon vor den Verhandlungen in Camp David und lange vor dem Aufstand, nämlich im August 1999, haben wir uns so schlimm gestritten, dass wir den politischen Dialog gestoppt haben. Worum ging es? Wir Frauen haben immer schon heiße Eisen angepackt. Beispielsweise waren wir die ersten, die sich seinerzeit für die Anerkennung der PLO eingesetzt hatten. Als wir das erreicht hatten, sind wir weiter gegangen und haben für einen selbständigen Palästinenserstaat plädiert, haben auch von Jerusalem als zwei Hauptstädten für zwei Staaten gesprochen usw. Im August 1999 haben wir, bevor die offizielle Politik damit begonnen hatte, das Recht auf Rückkehr, die Siedlungen und die Grenze zum Thema gemacht. Und da stellten wir plötzlich fest, dass wir total aneinander gerieten. Solange eine Sache allgemein bleibt, sagen alle: Ja, natürlich sind wir für Frieden. Alle sind auch für zwei Staaten. Aber wenn es konkret wird, wenn es darauf ankommt, dann ist es mit der Einheit schnell vorbei. In der Diskussion über Jerusalem argumentierten die israelischen Frauen plötzlich, Ost-Jerusalem sei doch Jerusalem, und Jerusalem gehöre den Isrealis. Ein anderer Punkt waren die "roten Linien". Dazu muss man wissen, dass wir mit Siedlerinnen nicht verhandeln. Siedlerinnen sind von unserer Arbeit ausgeschlossen und nehmen auch nicht Teil an unseren Gesprächen. Plötzlich musste ich feststellen, dass eine Frau im Kuratorium des anderen Zentrums eine Siedlerin ist. Mein Gott, habe ich zu ihr gesagt, weiß du, was das für mich heißt, mit einer Siedlerin zusammenzuarbeiten? Das bringt mich in Lebensgefahr! Doch sie antwortet mir, sie verstehe sich nicht als Siedlerin. Sie verstehe sich vielmehr als "neighbourhood", als Nachbarschaft. Man brauche für den Raum Jerusalem doch nur das Wort "Siedlung" in "neighbourhood" umzuändern, und schon sind es keine Siedlungen mehr! Gilo z.B. ist keine Siedlung mehr. Und auch die vielen UN-Resolutionen werden nicht mehr akzeptiert. Israel hat über 90 UN-Resolutionen, insbesondere die bekannte Resolution 242, nicht respektiert. Und plötzlich sagen auch die Frauen, warum sollen wir die Resolution 242 heranziehen, die sei ja schon so viele Jahre alt. Es war darüber wirklich keine Einigung möglich. Also haben wir gesagt, unter diesen Umständen geht es eben nicht. Eindeutig besetzte Gebiete sind und bleiben besetzte Gebiete. Auch in der Jerusalemfrage kamen wir nicht weiter. Die israelischen Frauen haben unsere Forderung, dass Ostjerusalem unsere Hauptstadt sein solle, durchaus anerkannt, aber sie haben etwas anderes gemeint. Sie schlugen vor, den geografischen Raum Ostjerusalems im Norden bis Ramallah und im Süden bis Bethlehem zu erweitern. Ramallah ist dovch heute schon eure Hauptstadt, sagen sie, dann wird es zu Ostjerusalem gehören, also ist Ostjerusalem eure Hauptstadt. So begann es, ein Punkt nach dem anderen wurde in Frage gestellt. Und die Frauen, von denen ich hier spreche, mit denen ich zusammengearbeitet habe, kommen aus politischen Kreisen, z.B. aus der Arbeitspartei oder von Meretz, die den Friedensprozess lnge Zeit mitgetragen haben. Aber seit sie in der Regierung sind, sind sie mäuschenstill und verteidigen die Regierungspolitik. Solange sie in der Opposition sind, sind sie sogar noch viel radikaler als wir - ich glaube, das ist genauso wie hier.

Und dann vergingen ein Monat, zwei Monate, zehn Monate, vierzehn Monate und sie haben uns gesagt: Bitte, lasst uns erst unter uns diskutieren, wir müssen uns erst intern darüber verständigen, wie wir uns zum Recht auf Rückkehr und zu anderen strittigen Fragen verhalten. Nach 14 Monaten haben wir ihnen ein Ultimatum gestellt: Entweder ihr nehmt Stellung oder wir stoppen jegliche gemeinsamen Programme. Und dann kam der Aufstand und damit wurde sowieso alles gestoppt.

Ich habe in den letzten Monaten an 78 Beerdigungen teilgenommen, bei acht davon handelte es sich um Freunde meines Sohnes. Ich weiß, was auf den Straßen in Palästina passiert. Da wage ich nicht, das Wort Friedensarbeit in den Mund zu nehmen oder das Wort Frieden. Zur Zeit ist es so, dass jeder, der mit Israelis arbeitet, ein Verräter ist. Und diese rote Linie muss ich respektieren, denn ohne die Unterstützung durch mein Volk kann ich nicht arbeiten. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass es furchtbar ist, plötzlich meinen israelischen Freundinnen und Freunde, mit denen ich seit zehn Jahren gearbeitet habe, zu sagen: Es tut mir leid, von nun an darf ich nicht mehr. Niemand kann und niemand darf das zerstören, was in mir gewachsen ist. Diese Zusammenarbeit, was wir voneinander gelernt haben und vor allem was wir bis dahin geschafft haben, das ist eine reiche Erfahrung. Und wir haben einiges geschafft. Deshalb habe ich mich entschlossen, das Zentrum zu verlassen. Ich war seit sieben Monaten nicht mehr dort und es findet keine Arbeit mehr in diesem Bereich statt. Damit aber niemand sagt, es war alles umsonst, sage ich: Kein Schritt war umsonst! Und ich habe mir vorgenommen, meine Erfahrungen in einem Buch aufzuschreiben. Darin werde ich die gemeinsame Zeit Revue passieren lassen, über die Herausforderungen, Verletzungen und Schmerzen berichten, die wir in diesem Prozess der Annäherung gehabt haben. Ich werde schreiben über die politischen Diskussionen, über unsere Art des Dialogs, der nicht mit dem Ziel geführt wurde, die anderen zu verärgern oder anzuklagen oder ins Unrecht zu setzen, sondern der geführt wurde um zu zeigen, dass wir alle gleiche Menschen mit gleichen Rechten sind. Was ich für mich in Anspruch nehme, muss auch für andere gelten. Das alles soll in meiner Dokumentation zum Ausdruck kommen. Jeder soll sehen, dass wir vieles erreicht haben und dass wir, wenn die "Stunde X" kommt, eine gute Grundlage haben, von der aus wir weitergehen können.

Niemand kann heute Kontakte stoppen oder verbieten. Die Beziehungen gehen über E-Mail und über das Internet weiter. Es sind individuelle Beziehungen, ich pflege sie in meinem persönlichen Namen, nicht im Namen einer Organisation oder innerhalb einer Struktur. Wenn die Strukturen und Verhältnisse solche Beziehungen verhindern, dann muss man sich eben eingestehen, dass man schwach ist in der Struktur und dass die Struktur einem keine Stütze mehr bietet. Dann muss man auch bereit sein die Struktur zu verlassen - auch wenn es nur vorübergehend ist. Ich habe sehr schnell erkannt, dass dann auch ganz neue Arbeitsmöglichkeiten entstehen. Ich werde an die Uni zurück gehen, unterrichten und diese Arbeit mit meinen Studenten fortsetzen. Ich werde dies nicht "Friedensarbeit" nennen, denn sonst würde keiner mitmachen. Es werden vielmehr Kurse sein über Persönlichkeitsentfaltung, "Empowerment", Problembewältigung, Aufbau einer zivilen Gesellschaft usw. Es ist jetzt sehr schwer mit der anderen Seite zu kooperieren, und es sollte uns niemand zur Zusammenarbeit zwingen. Wenn die Zeiten günstiger sind und wir die Notwendigkeit erkennen wieder zusammenzuarbeiten, dann werden wir es auch wieder tun. Bis dahin aber arbeite ich an mir selbst und an meiner Gesellschaft. Auch sie muss vorbereitet werden auf die Zusammenarbeit, damit das Gemeinsame dann auch wirklich klappt.

Seitdem ich das erkannt habe, habe ich wieder phantastische Dialoge per E-Mail mit israelischen und jüdischen Bürgern verschiedener Länder, insbesondere der USA - Dialoge, in denen die politischen Probleme viel intensiver diskutiert werden, als das bisher der Fall war. In einem direkten Gespräch kommt man doch häufig an einen Punkt, wo es nicht weiter geht. Weil wir aber alle lieb zueinander sein und keinen Konflikt haben wollen und weil wir sehr höflich sind, kehren wir dann manches unter den Tisch. Oder aber ich argumentiere temperamentvoll und wütend, weil die Situation eben so ist. Dann können mein Blick oder meine Hand oder meine Stimme so aggressiv sein, dass die andere Seite denkt: Um Gottes willen! Und bald gibt ein Wort das andere. Wenn ich aber schreibe, schreibe ich alles aus mir heraus, den ganzen Klotz, der in mir drin ist. Und ich kann schreiben, wie ich will, und es können 15, 20, 25 Seiten sein, ich schicke es per E-Mail mit einem Klick - und sie bekommt das, liest das und dann guckt sie und rollt die Augen und schreit und schimpft auf mich und sagt: Das kann sie doch nicht meinen! Ich aber sehe das nicht. Und je mehr sie liest, desto mehr erkennt sie, was ich eigentlich will, dass ich auch etwas Vernünftiges, etwas Gutes geschrieben habe, womit ich ihre Wellenlänge getroffen habe. Und wenn sie alles gelesen hat, dann tritt vielleicht ein solcher Effekt ein, dass sie sagt: Aha, aha, aha! Und wenn sie dann antwortet, wird sie vielleicht mit dem "Aha!" beginnen. Vielleicht kommt dann ein Telefonanruf und wir beginnen noch einmal zu sprechen und dann können wir uns treffen und uns auf die Dinge konzentrieren, die noch offen geblieben sind. Das sind wunderbare Dialoge.